Wolfgang und der Enkel von Paul

31.01.2017

Mein Mann Wolfgang und unser etwas ruppiger Mitbewohner Paul sind nicht immer ein Herz und eine Seele. Da sah es zwischen Wolfgang und dem damals 4jährigen Jannis, dem Enkelsohn von Paul, ganz anders aus. Sobald Jannis meinen Mann gesichtet hat, wurde Opa Paul erst mal auf Eis gelegt und er schrie: „Wolfgang, Wolfgang gehen wir zum U-Boot?“ Da ließ sich mein Wolfgang nicht lange bitten. Ich weiß nicht, wie oft ich den beiden schon nachgeschaut habe, wenn der Zweimetermann mit dem kleinen Kerlchen, der ihn unaufhörlich vollquatschte, Hand in Hand zum U-Boot trabten. Das U-Boot liegt als technisches Museum vor dem Marine Ehrenmal in Laboe. Ich glaube inzwischen kennen die beiden jede Schraube in dem Boot. Das war ihr Ding. Sie legten beide keinen Wert darauf, dass noch ein dritter an ihren Ausflügen teilnahm. Das hatte auch Jannis Opa Paul amüsiert bemerkt.

Ab und zu ist mit der ganzen Wohngemeinschaft einschließlich Familienanhang ein Spaziergang am Förde-Wanderweg angesagt. Wir laufen dann bis Heikendorf. In Heikendorf angekommen, haben wir meistens schon vorher einen gr0ßen Tisch bestellt und freuen uns auf ein gemeinsames Mittagessen. Oftmals zählen wir über 20 Personen. Zu Anfang sind wir gefragt worden, ob jemand Geburtstag hätte oder sonst irgendeine Feier anstünde. Unsere Antwort: „Wir sind ein Altenheim mit Familienanschluss“, wurde zunächst nicht verstanden, dann aber belächelt oder hinterfragt.

Es gab schon Menschen die sich für unser „Projekt“ wirklich intressierten. Die häufigste Argumentation war dann immer: „Würde ich ja später auch gerne machen, aber ich kenne keinen, mit dem das funktionieren würde.“

Zu Anfang haben wir uns noch mit großartigen Überredungsargumentationen herumgeschlagen. Oder blöden Sprüchen wie: „Ach wir passen auch nicht zusammen. Fetzen uns regelmäßig, aber wozu gibt es Blutdrucktabletten“ Besonders Holger konfrontierte ahnungslos Fragende mit seiner Begeisterung für diese Wohngemeinschaft, dass die Leute die bisher noch zufrieden ihrem 60. Geburtstag entgegen sahen schon von Holger auf Panik programmiert wurden. Heute fällt dann nur noch der Satz: „Dann sollte man es lieber lassen. Es ist eben nicht für alle die beste Lösung.“ Seinen Gesichtsausdruck – ach so ein Dummschwätzer – hat er sich dabei allerdings noch nicht abgewöhnt.

Wenn der Mittagstrubel in Heikendorf vorbei ist, wandern die Unermüdlichen wieder zurück und der müde Rest der Familienmitglieder steuert die Fähre an, die uns wieder nach Laboe bringt.

Ich erinnere mich noch, wie der kleine Jannis auf der Fähre neben meinem Zwei-Meter-Mann Wolfgang steht, die kleine Hand in seiner „Pranke“ und hört ganz interessiert und andächtig zu, wie dieser ihm Geschichten zu den Kieler Fährlinien erzählt. Auch diesmal waren sie beide ganz angetan von der „Kronprinz Harald“ die wir in sicherer Entfernung passierten.

Ich hörte, wie mein Mann zum kleinen Jannis sagte: „Morgen gegen 14 Uhr gehen wir zum Strand dann kannste die „Color Fantasy“ sehen, dass ist die größte Personenfähre der Welt.“ Mein Mann hatte offensichtlich die Fahrpläne der großen Fährschiffe studiert. Jannis strahlte ihn an und sagte: „Du Wolfgang, ich könnte ja Wölfchen zu dir sagen oder?“ Mein Mann schaute in amüsiert an und sagte: „Wenn du mich umtaufen willst, sag lieber Ka-Leu zu mir und du bist dann Bootsmann Jannis.“ „Prima, prima, das ist eine tolle Idee! Ka-Leu, Ka-Leu, juhu, juhu und Bootsmann Jannis genau, genau.“

Ich konnte mich nicht halten vor Lachen. Mein Ka-Leu Wolfgang hatte nicht mitbekommen, dass seine Frau alles mit angehört hatte. Als er mir abends erzählte, dass der kleine Jannis ihn unbedingt Ka-Leu nennen wollte, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen: „Ach, wollte er das unbedingt Wölfchen.“ Er grinste nur.

Jannis hat ihn nie wieder Wolfgang genannt und Jannis war seit dem immer nur der Bootsmann. Als ich meinen Wolfgang später einmal necken wollte und ihm vorschlug, den Bootsmann zum Admiral zu befördern ereiferte er sich:“Sicher, sicher der Ka-Leu befördert seinen Bootsmann zum Admiral, du hast doch keine Ahnung.“ Seit dem habe ich nichts mehr dazu gesagt, die Sache wurde mir zu ernst.

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