weiter mit unserer Änne

21.01.2017

Pünktlich um 7 Uhr übernimmt Änne das Haus. Rein äußerlich entspricht sie nicht dem Klischee einer Haushälterin, die alles unter Kontrolle hat. Sie hatte vorher in einem Lokal in Laboe in der Küche gearbeitet. Es sprach zunächst nichts dafür, selbständig so ein Haus wie das unsere zu führen. Mit unserer Hilfe hat sie alles gelernt. Sie ist jetzt fast perfekt.

Nach einem gelungenen Geburtstagsessen für Dirk stand dieser leicht bis mittelschwer angetrunken vor unserem großen Esstisch, das Glas Rotwein zuprostend in der Hand: „Meine liebste Änne, Haushälterin ist out, du kannst dich jetzt offiziell Geschäftsführerin nennen. Solltest Du mal den Wunsch verspüren, diese gastliche Stätte zu verlassen, werde ich dir höchstpersönlich das beste Zeugnis ausstellen.“

Wir schauten Dirk etwas verärgert an, auf was für Ideen bringt er unsere Änne da. Änne strahlte ihn an und erwiderte platt: „Nee, ich bleibe bis zum Schluss.“ Na ja, bis zum Schluss war mehr als deutlich.

Unser sensibler Dirk schaute Änne etwas nachdenklich an und musste jetzt mindestens zwei Gläser mehr trinken, um den seligen Zustand von vorher zu erreichen.

Trotzdem ist diese von Dirk ausgesprochene Beförderung zur Geschäftsführerin nicht spurlos an Änne vorübergegangen.  Als einige Tage später ein Aushilfsbriefträger ein für Maren bestimmtes Päckchen ablieferte und Änne, die es in Empfang nehmen wollte fragte: „Wer sind Sie denn?“ war ein deutliches „die Geschäftsführerin“ zu vernehmen. Frech grinsend musterte der Jüngling Änne von oben bis unten, händigte ihr das Päckchen mit den Worten „Ach nee“ aus und schlenderte pfeifend davon.

Ich hatte die Szene vom Garten aus beobachtet. Mir entging nicht, das Änne daraufhin an sich selber herunter schaute. Was sie sah war weit entfernt von einem respektablem Outfit. Der rosa Kittel mit den vielen Taschen war sicherlich praktisch, die gelbe Jogginghose bestimmt bequem und die selbstgestrickten Socken, wie ich selber wusste, von bester Qualität. Alles zusammen eine modische Katastrophe.

Abends ergab es sich, dass ich mit meinem Mann Wolfgang und Paul dem Mann von Gudrun im Wintergarten saß und ihnen die Postbotenszene schilderte. Sie blieben, wie ich hätte erwarten können, völlig unbeeindruckt. Ihr Kommentar: „Na und, ist es wichtig was der Postbote von Änne denkt? Hat Änne jetzt Depressionen weil sie die falsche Hose an hatte und der Kittel auch nicht dazu passte?“ Diese Kommentierung wurde mit einem lauten Gelächter der beiden untermalt.

Außerdem hätten sie kein Interesse an einer Barbiepuppe, die kochen kann. Sie in ihrem Alter wollten sich beim Essen entspannen. Sie wollten nur noch das Essen genießen, alles andere käme zu spät, ha, ha, Änne sei o.k. so wie sie ist. Wir sollten mal schön die Finger von ihr lassen und sie nicht versauen. Nachher könnten sie für die aufgemotzte Änne noch eine besorgen, die kocht und putzt. Ha, ha, ha“

Diese Machos. Sie jetzt noch für die Idee zu begeistern, Änne einmal mit auf eine Einkaufstour nach Kiel mitzunehmen, würde bei den beiden Geizhälsen nur noch in einen Vortrag „wie man mit dem sauer verdienten Geld herumast“ nach sich ziehen. Darauf konnte ich verzichten.

Als ich morgens Gudrun davon erzählte, sagte sie ganz spontan: „Ach, die beiden kannste vergessen, wir werden mal eine Typberatung bei Änne vornehmen und damit anfangen, dass wir ihr was Hübsches aus Kiel mitbringen.“ Dabei blieb es. Die einzige, die mal was Hübsches aus Kiel für Änne mitbrachte war Maren, die Frau von Holger.

Die zarten Grüntöne der Mütze und des Schals passten hervorragend zu Ännes roter Lockenpracht. Sie umarmte Maren und war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen. Gudrun und ich waren auch gerührt, aber etwas unangenehm.

 

 

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