Warum das alte Leben aufgeben

25.02.2017

Ja, warum alles aufgeben. Ist doch alles gut so wie es ist. Lieber Leser, das ist genau der Gedanke der so einem Projekt leider immer im Wege stehen wird.

Auch das Argument, das ist nur was für gut situierte Rentner ist quatsch. Weil alles so bequem und gemütlich ist und man auch Angst vor Veränderungen hat, fällt einem (auch uns zu Anfang) immer etwas ein, was garantiert nicht klappen kann.

Gudrun vergleicht das mit dem Abnehmen. Heute haue ich mir noch die ganze Schokolade rein. Morgen nehme ich ab. Oder wieso nicht das Brötchen essen könnte dein letztes sein usw. Bißchen weit hergeholt, aber aber aber

Meinen Mann Wolfgang hat wohl letztendlich das Schicksal seiner Eltern überzeugt. Sein Vater war Zuckerkrank und seine Mutter interessierte sich nicht im mindesten dafür. Ihr ginge es auch schlecht!!! Es war, als wenn zwei kleine Kinder zusammen wohnten. In jungen Jahren verstanden sie sich eigentlich ganz gut. Sie und ihre Kinder waren ihr Leben. Freundschaften hatten sie nie gepflegt. Die waren sich immer selber genug. Später warteten sie den ganzen Tag darauf, dass sich entweder ihr ganzer Stolz Wolfgang oder seine Schwester Anke blicken ließen.

Die Eltern gifteten sich von morgens bis abends an. Wenn wir sie besuchten, durften wir nie den Fehler begehen, uns für eine Partei zu entscheiden. Da Anke in der Nähe der Eltern wohnte, hatte sie alles am Hals und bekam obendrein noch zu hören was sie alles in ihrem Leben falsch gemacht hätte. Was übrig blieb, war eine Schwester und Schwägerin, die fast auf dem Zahnfleisch ging. Die Eltern in ein Altenheim unterzubringen kam für Anke nicht infrage, da sie das Haus erhalten wollte. Zur Entlastung eine Hilfskraft einzustellen, an deren Kosten wir uns beteiligen wollten, war für sie auch kein Thema, da die Eltern das nicht wollten.

Meine Schwiegereltern leben nicht mehr. Zwischen Anke und uns läuft alles gut, jedoch glaube ich, sie hat es uns insgeheim immer noch nicht ganz verziehen, dass wir uns damals nicht genug kümmerten. Mit ihrem Mann verbringt sie regelmäßig ihre Urlaube bei uns in Laboe.

Gudrun und Paul waren von Anfang an meine engsten Mitstreiter beim Projekt Laboe. „Carpe diem“ (nutze den Tag) und „wat küt dat küt“ (was kommt, das kommt) ist bis heute ihr Lebensmotto.

Paul hatte eine eigene Versicherungsagentur und sich damit ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Mein Mann Wolfgang würde nicht erwirtschaftet, sondern ergaunert sagen (für ihn sind Versicherungsvertreter Gauner, die mit der Angst der Leute ihr Geld verdienen). Wenn ich ihm dann sage, dass Paul ausschließlich für die Deutsche Ärzteversicherung gearbeitet hat und man könne doch wohl nicht davon ausgehen, dass er hier nur Idioten versichert hat, winkt er nur ab und sagt etwas unlogisch: „guck mich an, ich habe eine Unfallversicherung bei dem abgeschlossen, der kassiert jahrelang die Folgeprovision und ich habe noch nie einen Unfall gehabt.“ Dann kann man doch nur sagen, du hast recht mein Schatz, er hat auch Idioten versichert.

Paul und Gudrun haben immer einen großen Freundeskreis gehabt. Somit wurden sie nicht nur von uns Familie Chaos genannt. Ihre Kinder Beate und Timo waren beide hyperaktiv. Dementsprechend standen die Eltern zwangsläufig auch immer unter Strom. Für Paul und Gudrun war es somit fast schon lebensnotwendig, dass sie ihre Kinder ab und zu übers Wochenende bei guten Freunden abliefern konnten. Hatten die Freunde schon eine eigene Familienplanung ins Auge gefasst, wurde dieser Wunsch nach einem Wochenende mit Gudrun und Pauls Kindern erst mal auf Eis gelegt.

Als sich herausstellte, dass die Hyperaktivität ihrer Kinder nicht unbedingt immer eine Erziehungsfrage war sondern evtl. eine Krankheit ist, wurde alles unternommen und oftmals vieles entschuldigt was durchaus besser in ein vernünftiges Erziehungsbild gepasst hätte. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Auf alle Fälle haben die beiden Kinder in ihrer Sturm- und Drangzeit den Eltern das Gesamt-Programm geboten, von Drogenkonsum bis Jugendknast. Dank ihrer Eltern – so chaotisch sie selbst sein mögen – haben sie sich doch noch zu ganz respektablen Mitbürgern entwickelt.

Gudrun und Paul sind stolz auf ihre Kinder und freuen sich über ihre 6 Enkelkinder. Ich glaube jedoch, die Tatsache, dass die ganze Bande in Düsseldorf wohnt und sie in Laboe, hat etwas Beruhigendes für sie.

Bei Dirk und Susanne waren es die aufwendigen Pflegeprogramme mit seiner Großmutter und Mutter (wie bereits geschildert).

Aber was sollen diese düsteren Gedanken. Wenn ich über die letzten Jahre Bilanz ziehe, kann ich nur sagen, wir haben garantiert mehr gelacht als unsere Falten gezählt oder sonstige schwerwiegende Probleme gewälzt.

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