Paul überrascht alle

26.02.2017

Hallo, da bin ich wieder

Ist sicherlich auch in Ihrem Sinne, dass ich Sie hier nicht mit langweiligen Tagesabläufen konfrontiere.

Ja klar, ab und zu ist es hier auch langweilig.

Daher lieber einige kleine Anekdoten.

Zudem können sie uns besser kennen lernen und feststellen wie unterschiedlich wir alle sind. Sie denken jetzt, hört sich alles gut an  „man muss nur die passenden Leute finden.“ Ja liebe Leute, das könnte eine endlose Suche werden. Auch in einer jahrelangen Partnerschaft passt bekanntlich vieles nicht und trotzdem halten einige durch und entdecken sogar noch im hohen Alter Dinge am Partner, die man nie für möglich gehalten hätte.

Vor Jahren – unsere Wohngemeinschaft bestand noch nicht – hatten wir uns ausgemalt, was wir alles unternehmen wollten. Damals kam von Maren der Vorschlag, dass wir unbedingt Literaturabende einrichten sollten. Zum Beispiel gegenseitig Gedichte vorlesen. Der Vorschlag wurde damals etwas belächelt und unser Paul bekam einen regelrechten Lachkrampf.

Maren aber gab nicht auf. Vor einiger Zeit fragte sie noch mal zaghaft an, wie es denn jetzt mit einem Literaturabend aussehe. Es müssten ja nicht unbedingt Gedichte sein. Es könnte ja auch jemand eine spannende schaurige Geschichte vorlesen. Das überzeugte alle. Nur Paul, der wollte ein Gedicht vortragen.

Es war schon etwa kühler, daher schaltete Paul die Heizstrahler in unserem toskanischen Innenhof ein. Zusätzlich sorgte er dafür, dass alle Windlichter brannten und die edlen Rotweingläser auf den Tisch kamen. Das leichte Plätschern des beleuchteten Brunnens perfektionierte die Stimmung. Wenn wir uns Tage vorher noch über ihn lustig machten, wie er durch den Garten schritt und leise vor sich hinsprach, wahrscheinlich um sein Gedicht auswendig vortragen zu können,waren wir inzwischen doch leicht irritiert. Was hatte er vor?

Als Gudrun in den Innenhof kam und sah, wie ihr Paul eine stimmungsvolle Atmosphäre zauberte und sogar noch einige gute Tropfen Rotwein spendete, sagte sie nur zu mir: „Also, ich kenne den Kerl schon so lange, aber was hat das nun wieder zu bedeuten, das hier passt nämlich nicht. Hoffentlich hat der nicht irgendein versautes Gedicht auswendig gelernt – die arme Maren!!!“

Wir hatten gut gegessen, saßen nun gespannt im Innenhof und starten alle auf Paul. Dieser spielte den Gelangweilten und sagte nur: „Na, wie isses, will jetzt einer eine schaurige Geschichte erzählen oder vorlesen?“ Keiner sagte etwas.

Paul nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem Weinglas stand auf und sagte: „Gut, dann fange ich an, ein Gedicht von Otto Ernst:

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd – Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht mans gut. Ein Wrack auf der Sandbank!

Noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich`s der Abgrund

Nis Randers lugt – und ohne Hast spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast; Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein: Dich will ich behalten, du bleibst mir allein, Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: „Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: Hohes hartes Friesengewächs; Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! Nun muß es zerschmettern…..! Nein, es blieb ganz! Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peischt das Meer. Die menschenfressenden Rosse daher; Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! Eins auf den Nacken des anderen springt. Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! Was da? – Ein Boot, das landwärts hält – Sie sind es! Sie kommen! –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt…. Still -ruft da nicht einer? – Er schreits durch die Hand: „Sagt Mutter`s ist Uwe!“

Keiner sagte etwas. Wie gebannt hatten wir die ganze Zeit fassungslos auf Paul gestarrt. Wir hatten alles erwartet, nur das nicht. Mit der Dunkelheit und dem flackernden Kerzenlicht im Hintergrund hatte er es geschafft, uns die ganze Zeit in eine schön schaurige Stimmung zu versetzen.

Niemand hätte dieses Gedicht besser vortragen können. Nicht nur Gudrun hatte Tränen in den Augen. Sie stürmte auf ihren Paul los umarmte ihn und schluchzte: „Mein Gott Paulchen, dass war wunderschön“. Heute ist mir klar, das es nicht nur das kleine Gedicht über Ni Randers war, welches uns so beeindruckte, sondern dass Paul es war, der es so stimmungsvoll und gekonnt vorgetragen hat. Paul, zu dem es gar nicht so recht passen wollte, dass er ein Gedicht vorträgt.

Maren hatte an diesem Abend zwar noch eine kleine schaurige Geschichte vorgelesen. Der Star des Abends aber war unbestritten unser Paul. Sein größter Fan war übrigens seine Frau Gudrun.

Paul musste noch oft seinen Nis Randers vortragen. Dieser Abend aber wird unerreichbar bleiben. Seine kleinen Frechheiten hat er Gott sei Dank bisher nicht aufgegeben. Wenn Gudrun sich heute über ihn beschwert und meint, sie müsse mal wieder Dampf ablassen erinnere ich sie an diesen Abend und seine bis dato unentdeckten Fähigkeiten.

 

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