Paul ist geschäftsschädigend für unsere Wohngemeinschaft

01.03.2017

Unser erstes Sommerfest war wirklich gelungen. Sogar das Wetter hatte damals mitgespielt.

Wenn unsere Kinder, Enkelkinder und Freunde eintreffen, sieht zunächst alles etwas chaotisch aus. Man darf jedoch nicht vergessen, dass wir in den letzten Jahrzehnten immer voller Erwartung auf Erholung und Entspannung regelmäßig zur Urlaubszeit mit unseren Kindern hier in Laboe eingetroffen sind. Diese Urlaubsstimmung bringen unsere Kinder und Freunde jedes Mal wieder mit zur Kieler Förde.

Einige unserer Freunde,  die lieber nichts ändern wollen oder auch nicht können, argumentieren oft: Ja, ja, jetzt ist noch alles ok, aber wenn ihr nicht mehr so könnt oder wenn es Streit gibt, was ist dann ? Mit dem Streiten klappt jetzt schon ganz gut. Alles andere wird sich finden und wurde größtenteils vorher, unter Einbeziehung unserer Kinder, schriftlich festgelegt. Auf alle Fälle sind wir uns einig, das keiner ein Pflegeprogramm für einen anderen übernehmen wird.

Dirk bemerkt dazu: „Wir wurden in eine Welt geboren, die wir uns teilweise besser gestaltet wünschen, wir werden mit einem Namen gerufen, den wir uns nicht ausgesucht haben. Zum Schluss überlassen wir es wieder anderen, was mit dem Rest unseres Leben passiert, weil wir nicht beizeiten die Richtung vorgegeben haben. Ich möchte nicht, da ich einem Menschen, der mir mehr bedeutet als mein eigenes Leben, lästig werde und ihm gleichzeitig noch ein schlechtes Gewissen machen wenn er keine Zeit für mich hat um sein eigenes Leben zu leben.“

Auf diesen Sommerfesten werden immer viele ernsthafte Gespräche geführt. Die saloppen Sprüche von Paul sind zwar sehr amüsant, bewegen sich aber oftmals sehr hart an der Grenze des guten Geschmacks. Während Dirk eine sensiblere Gesprächsführung vorzieht, knallt Paul dazwischen, überlegt euch mal, so ein Typ mit einer harten Jugend kriegt von unserem Arbeitsamt ein Stipendium für einen Schnellpflegekurs und hat dann in so einem Altenheim freie Bahn. Der drückt dann seine Zigarettenkippen auf deinen Bauch aus, da er keinen Bock hat, dir wieder die Pampers zu wechseln. Du bist aber zu schwach, um ihn in den Arsch zu treten.

Diese Argumentation wird mit Befremden aufgenommen. Mein Mann streichelt Paul über den Kopf und sagt: „mal sehen ob wir so einen knallharten Typen später für dich einstellen. Wenn ich noch kann, werde ich ihn für dich in den Arsch treten mein Freund.“

Das erste Sommerfest in unserem neuen Heim gestaltete sich noch in einem überschaubaren Rahmen. Später nicht mehr. Unsere Kinder sind von dem Projekt so begeistert, dass sie es unbedingt ihren Freunden und deren Eltern zeigten wollten. Die nächsten Sommerfeste hatten demzufolge schon viel an familiärer Idylle verloren und bekam allmählich Volksfestcharakter.

Paul und Wolfgang fanden das o.k. sie mussten für die nächsten Feste keinen Cent bezahlen. Unsere Kinder hatten die Organisation übernommen. Finanziert wurde alles über so genannte Eintrittsgelder „Eintrittsgelder“ – schon allein das Wort. Unser Sohn Max und Jörn, der Sohn von Dirk und Susanne, zeigten sich hier sehr geschäftstüchtig, was die Vermarktung ihrer Eltern anging. Ich muss gestehen, für mich hatte das schon etwas Zoocharakter – beliebteste Anlaufstelle der Affenkäfig. Die Spitze war, als die beiden nach dem letzten Sommerfest durchblicken ließen, wir sollten doch etwas mehr darauf achten, dass Paul sich benimmt, er sei sehr geschäftsschädigend.

„Geschäftsschädigend“, die haben wohl eine Vollmeise. Danach wurde während einer der darauf folgenden Kaminabende, ohne unsere geschäftstüchtigen Kinder, beschlossen dass wir die Dinge wieder in die Hand nehmen und zu „unsern Festen nur „unsere“ Freunde und Familiemitglieder einladen werden.

Als der erste Ärger über die Eigenmächtigkeit unserer Blagen verflogen war, haben wir noch oft über das Wort „geschäftsschädigend“ gelacht und zwar immer dann, wenn wir uns über meine Freundin Bruni unterhalten haben. Auf diesen Sommerfesten wurde, wie sich jeder vorstellen kann, einige gute Tropfen getrunken. Zu etwas vorgerückter Stunde blieb die Wirkung dann auch nicht aus. Derjenige, der schon nüchtern seine Klappe kaum unter Kontrolle hatte, ließ sich dann noch schneller zu unqualifizierten Äußerungen hinreißen, wie zum Beispiel wieder unser Paul, der mittlerweile jenseits von Gut und Böse ganz ungeniert meiner Freundin Bruni sagt: „Unnn wennn wir es in dem ollen Kaaasten mit den ollle Köppn überhaupt nicht mehr aushaaalten, sauffen wir sie uns einfach schööööön, die Köpppe.“

Bruni, eine lange Dürre mit kurzen grauen Herrenhaarschnitt, randloser Brille, jedoch begeisterte Sportlerin, die außer frischer Luft und gesunder Nahrung nichts zu sich nimmt, starrte Paul daraufhin völlig irritiert an. Maren, die seinen stark alkoholisierten Spruch mitbekommen hatte, grinste Bruni etwas angesäuselt an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Ja, wie er schon sagt, mit etwas Alkohol ist das auszuhalten.“

Meine liebe Freundin und Antialkoholikerin, leider auch etwas humorlose Bruni: „Soll das etwa heißen, ihr seid immer besoffen???“ Paul dann wieder: „Geeenauuuu, aaaaber so körnerfresssende Zicken, die sich jedes Pfünnndchen abrennnen und nicht mitsaufffen, können wir hier wieso nicht brauchen, so issesss.“

Zum nächsten Sommerfest ist Bruni nicht mehr gekommen. So gesehen war er wirklich geschäftsschädigend. Ich glaub Paul und Maren mochten Bruni nicht besonders.

Kommentare