Otto und seine Söhne

15.02.2017

 

Otto ist der Vater von Holger. Mit seinen 83 Jahren immer noch ein Lebenskünstler voller Lebensfreude und Pläne. Wo andere in dem Alter noch jeden Euro umdrehen und „fürs Alter sparen“ hat Otto sich zur Freude seiner Söhne die Realität bewahrt getreu dem Motto: „Es ist doch völlig egal, wo ich sterbe, ja auch wie und wann. Wichtig, wirklich wichtig ist doch allein, dass ich bis zum Tod tatsächlich lebe.“

Das hat er.

Mit seiner positiven Ausstrahlung war er bei uns immer herzlich willkommen. Otto lebte abwechselnd in einem Altenheim in Berlin, bei Sohn Simon in Berlin oder bei seinem Sohn Holger in Laboe. An Flexibilität war er kaum zu überbieten. Sein Sohn Holger sah das nicht so. Wie sagt man so schön „Otto sah man sein Alter nie an“. Er hatte volle weiße Haare, die er etwas länger trug. Eine entfernte Ähnlichkeit mit Einstein war festzustellen. Holger sagte öfter, eines natürlichen Todes wird mein Alter nie sterben. Die Aussage war teilweise durchaus berechtigt.

Es war im Sommer. Ich stand mit Änne am Küchenfenster und sah wie Otto mit einer großen Leiter hinter sich herziehend Richtung Obstbäume wanderte. Im folgten seine größten Fans unsere Hunde Skipper und Puschel. Änne und ich dachten uns nichts dabei. Als wir jedoch auf einmal eine Motorsäge hörten, schauten wir uns doch etwas irritiert an. Es dauerte nicht lange, da knallte es ganz fürchterlich. Wir stürzten aus dem Haus und sahen wie Otto – alle viere von sich gestreckt – auf dem Dach von Holgers kleiner Werkstatt lag.

Das Schlimmste befürchtend rannten wir auf die Werkstatt zu. Er meinte nur, wir sollten ihn einen Moment liegen lassen, es wäre nichts passiert, er sei nur abgeschmiert. Wie erstarrt standen Änne und ich vor der Werkstatt. Er ist aus fast vier Meter Höhe auf das Dach gefallen. Wie sich später nach einem Check im Krankenhaus herausstellte, hatte er, außer ein paar derben Platzwunden am Bein,  nichts ab abbekommen. Von da an, wurden Leiter und Motorsäge weggeschlossen.

Den darauffolgenden Sommer stand Otto eines Tags mit seinem alten Kumpel Erwin und einem riesigen Wohnmobil, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, vor der Tür. Finnland, Norwegen, Spitzbergen, die Route hatten sie sich vom ADAC ausarbeiten lassen und waren voller Tatendrang.

Vorher wollten sie noch einmal vorbeischauen und fragen, ob eine der Mädels Lust hätte mitzufahren (wie schön!!! Die Mädels waren alle über 60). Dieser Schmeichler, wir wussten, dass Otto eigentlich seinen Sohn Holger überreden wollte, mitzufahren. Dieser vertrat jedoch die Ansicht, man sollte den späten Hippies diese Schnapsidee ausreden und hoffte dabei auf seine Frau Maren.

Maren jedoch freute sich mit ihrem Schwiegervater und versuchte Holger zu überreden, seinen Vater auf diese Reise zu begleiten. Das einzige, was dabei herauskam war, das Maren und Holger sich stritten. Maren ansonsten immer ausgleichend, wenn es aber um die Beziehung zwischen Holger und seinem Vater ging, sah sie rot: Er mache immer alles mies. Er solle seinem Vater ruhig etwas mehr entgegenkommen. So eine Vater-Sohn-Tour wäre doch toll. Die positive Ausstrahlung und Wärme die sein Vater hat würde ihm, Holger, völlig fehlen. Vielleicht würde dann auf dieser Fahrt etwas auf Holger übergehen.

Damit hatte sie unseren Holger gänzlich auf die Palme gebracht: Die positive Ausstrahlung könne sein Vater komplett behalten, der würde sie sicherlich nötiger haben als er und die Wärme hat er offensichtlich schon an Simon (jüngerer Bruder von Holger) weitergegeben, der ja bekanntlich schwul sei.

„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel meine Liebe, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ Übersetzt hieße dass, dass sie als Therapeutin für ihn nicht infrage käme. Da war  er wieder unser überheblicher, selbstgerechter Holger.

Am nächsten Tag umarmte er seinen Vater und wünschte ihm ein gutes Gelingen für die Fahrt. Die gemischten Gefühle waren ihm trotzdem anzusehen, als er dem Wohnmobil nachschaute. Er war es, der anschließend morgens als erstes Änne fragte, ob die Post schon da sei und ob sein Vater sich gemeldet hätte. Maren konnte seine Frechheiten nicht so schnell vergessen und wenn er bei ihr nachfragte, ob Vater sich schon gemeldet hat, antwortete sie etwas zickig: „Wieso, wollte er sich bei dir melden?“ Er wusste nicht, dass sie mit ihrem Schwiegervater vereinbart hat, dass er sich jeden Tag bei ihr kurz auf dem Handy meldet. Holger sollte ruhig etwas schmoren – das war ihre Therapie als Nichttherapeutin – sie funktionierte, Holger hat sich bei ihr entschuldigt und bekam dafür jeden Tag die aktuellen Reiseberichte seines Vaters.

Als Otto mit seinem Kumpel Erwin einschließlich Wohnmobil wieder wohlbehalten in Laboe eintraf und beide ganz begeistert von ihrer Reise erzählten, lächelte Holger etwas säuerlich, zumindest empfand Maren es mit einer gewissen Genugtuung wie sie mir versicherte.

So unangemeldet wie Otto immer kam, so verschwand er auch wieder. Meistens reiste er wieder ab, wenn er sich mit seinem Sohn Holger in die Wolle bekam. Mit seiner Schwiegertochter Maren verband ihn immer ein herzliches Verhältnis. Wenn sie Otto bat doch zu bleiben und die Launen von Holger nicht ernst zu nehmen, sagte er nur, er müsse sich mal wieder um seinen Sohn Simon kümmern.

Simon hielt allerdings wenig davon, dass sein Vater sich kümmert. Simon ist Mitte 40 und lebt seit Jahren mit seinem Lebensgefährten in einer sehr harmonischen Beziehung. Sein Vater Otto glaubte bis zum Schluss, dass die beiden Jungs eines Tages die passende Frau finden.

Simon freute sich zunächst zwar immer, wenn sein Vater gesund und munter mit Sack und Pack vor seiner Tür stand. Sobald sein Vater aber wieder mit seinen Therapieversuchen anfing, um ihn und seinen Lebensgefährten – wie er meint – doch noch auf den rechten Weg zu bringen, drohte er, ihn höchstpersönlich zu seinen Kumpels ins Altenheim zu bringen.

Manchmal war Otto jedoch so eingeschnappt, dass er freiwillig das Altenheim aufsuchte. Dann war es meistens Holger, der sich bei ihm meldete und ihn bat, nach Laboe zu kommen, da Freddy mit den Gartenarbeiten überlastet sei und wir uns über seine Hilfe freuen würden. Am nächsten Tag saßen unsere Hunde Puschel und Skipper vor dem Tor und wir wußten, es kann nicht mehr lange dauern und unser Otto ist wieder da und begrüßte uns mit den charmanten Worten:“Hallo Mädels, endlich mal wieder frisches Gemüse, die alten Krähen im Altenheim habe ich mir lange genug angeschaut.“ Das war auch immer ein Grund, um Otto zu mögen – ab 60 hört man solche Lügen nämlich gerne.

Ottos Lieblingsspruch: „Das Leben ist schön und wenn ich morgen abkratze ist auch ok“. Er hat das Leben als Geschenk gesehen und sogar der Tod wurde ihm geschenkt. Otto wollte einen kleinen Mittagsschlaf im Altenheim machen und ist nicht wieder aufgewacht.

Liebe Leser, bißchen viel was ich heute über unseren Otto geschrieben habe. Er hat uns jedoch auch viel an Lebensfreude gegeben.

 

 

 

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