Maren und Holger

20.02.2017

Unsere Maren, die Frau von Holger, ist eine kleine zarte Person mit halblangen Haaren, die sie in allen Rottönen dezent gesträhnt trägt. Sie hat keine „Revolverschnauze“ wie Gudrun und ich. Sie ist eine tolerante liebevolle Frau. Gibt es mal Meinungsverschiedenheiten, ist es fast immer unsere besonnene Maren, die die Dinge wieder gerade biegt. Nicht nur bei unseren Kindern, sondern auch unter uns ist sie es, die von allen, ob Männchen oder Weibchen, gleichermaßen akzeptiert und respektiert wird.

Als ich meinen Mann Wolfgang einmal daraufhin ansprach, stellte er nur nüchtern fest, dass Maren jahrelang an ihrem Mann Holger hätte üben können, wie man mit den verschiedensten Charakteren umgeht. Er besitze eine multiple Persönlichkeit, die teilweise schon vom Wahnsinn umzingelt sei, ob mir das noch nicht aufgefallen sei.

Ganz eindeutig sprach aus dieser fiesen Bemerkung eine ganze Portion Missgunst. Wahrscheinlich hatte ich zu oft gesagt, dass Holger mit seinem unerschöpflichen Wissen ein faszinierender Gesprächspartner sei. Holger hat schon extreme Züge. Wenn er es vorhat, versteht er es, mit gut gezielten Sätzen jemanden verbal in die Enge zu treiben. Bei ihm bedeutet Meinungsaustausch „Du kommst mit deiner Meinung und gehst mit meiner.“

Er scheut sich auch nicht, die Ding auf den Punkt zu bringen. Wo andere noch versuchen, alles schön zu verpacken, liebt er die direkte Konfrontation. Bei ihm hat der Wunsch „Mir ist es lieber, dass man  mir die Wahrheit direkt ins Gesicht sagt“, noch Bedeutung, Holger hat damit keine Probleme.

Wird es ihm aber mal mit gleicher Münze zurückgezahlt, ist er weniger empfänglich. Im Gegenzug kann er sich aber auch entschuldigen, wenn er mal zu weit gegangen ist.

Er ist ein Powermensch, der immer wieder mit neuen Ideen und Ansichten konfrontiert. Dadurch wird er für den gemütlichen Rest der Wohngemeinschaft teilweise etwas anstrengend.

Bei unseren Kindern und Enkelkindern ist er allerdings der King. Hier zeigt der Mann ein erstaunliches Einfühlungsvermögen und bekommt mit seiner klaren direkten durchaus wohlwollenden Art viel Zuneigung.

Eifersüchteleien bleiben da natürlich nicht aus. Unser Sohn Friedrich liebt es, mit Holger über alles Mögliche zu diskutieren. Da er uns nicht so häufig besucht, kann es schon mal vorkommen, dass er mehr Zeit mit Nachbar Holger verbringt, als mit uns. Meinem Mann Wolfgang passt das natürlich nicht. Da er nicht über die direkte Art von Holger verfügt,  kann er unserem Sohn Friedrich sein Missfallen nur so zeigen, in dem er ganz demonstrativ die Tageszeitung liest, einschließlich aller Werbeeinlagen, sobald Friedrich sich wieder bei uns einfindet. Ich hab es aufgegeben ihn darauf anzusprechen.

Unser Sohn Max mag Holger auch jedoch geht er ganz sensibel oder auch unsensibel?? damit um.

Max sein Vater und Holger hatten sich wegen irgendeiner Sache einen Abend vorher im gemeinsamen Kaminzimmer ein heftiges Wortgefecht geliefert, das offensichtlich unentschieden ausging.

Am nächsten Morgen saß mein Mann immer noch mit einem mürrischen Gesichtsausdruck in unserer Wohnung am Frühstückstisch und wollte zu meinem Entsetzen noch einmal die Diskussion vom Vorabend aufleben lassen. Unser Sohn Max hatte sich mal wieder für einige Zeit bei uns eingenistet und kam pfeifend die Treppe herunter, rollte die Zeitung zusammen, knallte meinem Mann diese leicht auf den Kopf und sagte ganz unverfänglich: „Na Paps, ich habe gerade Holger gesehen, wie der Richtung Strand joggt, sollen wir mal kurz hinterher und ihm was vor die Fresse hauen?“

Ich war entsetzt, meine beiden Männer jedoch lachten lauthals, die vorabendliche Diskussion spielte keine Rolle mehr, was soll das Gequatsche, schlagende Verbindungen sollte man ruhig beim Wort nehmen und nicht so sehr die studentische Korporation darin sehen. Sie waren bester Laune bei dem Gedanken unseren lieben Holger einmal kräftig versohlen zu dürfen. Wie schön, wenn Vater und Sohn sich so gut verstehen.

Als Holger nass geschwitzt von seiner Joggingtour wieder eintraf und meine beiden Männer in dem Moment zufällig aus unserer Haustür nach draußen traten, klopften sie ihm freundschaftlich grinsend auf die Schulter. Sie empfahlen ihm, sich schnell zu duschen und trockene Sachen anzuziehen, damit er sich nicht erkältet.

Mir fiel auf, dass auch Holger mit Befremden auf diese übertriebene Fürsorge reagierte, etwas außer Atem nickte er nur. Als er weiterging, drehte er sich aber – wie mir schien – vorsichtshalber noch einmal um und schaute irritiert hinter den beiden her.

Männer!!!

 

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