Liebesbrief mit Ende 60!!!

22.06.2017

 

Unsere Kneipenbekanntschaft Heini ist tot. Sie erinnern sich. Wir Frauen haben unseren schönen Rudi. Die Männer hatten ihren häßlichen Heini. Heini, der bevorzugt dreckige Witze zum Besten gab, Heini, der in seiner Stammkneipe sein zweites oder auch erstes Zuhause gefunden hatte, der kein Problem damit hatte, festzustellen, dass bei uns Frauen das Verfallsdatum überschritten sei und noch hinterher schob, wenn man genug Geld hat, könne man sich auch junge Dinger leisten. Der schlagfertige Spruch von Gudrun damals dazu: „Ja, kann schon sein, aber es soll Typen geben, die sind so häßlich, dass sogar der Blindenhund knurrt.“ Jeder wußte wer gemeint war. Unsere Männer schauten betreten und wir Frauen konnten nur zustimmend nicken. Heini war von einem Adonis Lichtjahre entfernt und war offensichtlich nicht unbedingt ein Sympathieträger.

Über Jahre haben wir jedoch Heini immer wieder getroffen. So komisch, wie es sich anhört, Gudrun hat ihn irgendwie gezähmt. Die anderen meinten, Heini hat Angst vor Gudrun. Doch war Gudrun mal nicht dabei, hat er sich immer erkundigt wo sie sei. „Heini, der Alptraum meiner schlaflosen Nächte“ war immer Gudruns Begrüßung. Zu allem Überfluss hat sie ihn sogar umarmt. Als ich sie mal fragte: „sag mal merkt der eigentlich gar nicht, dass du ihn veräppelst?“ war ihre Antwort: „Ach der tut mir leid, der sieht aus, als hätte er nicht viel Freude im Leben gehabt, der ist einsam und deswegen so grantig.“ Kann ja sein, mein soziales Verständnis wurde damit nicht geweckt.

Trotzdem gingen Gudrun, Paul, Dirk, Wolfgang und ich zu seiner Beisetzung. Es war nur der Wirt seiner Stammkneipe und sein Neffe da. Ein sehr sympathischer junger Mann, der mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Kiel lebt. Er erzählte uns, dass Heini über Jahre seine Mutter (also seine Großmutter) gepflegt habe. Er habe jede Hilfe abgelehnt und durch seine Art immer wieder ihn und seine Frau vor den Kopf gestoßen. Seine Anrufe und die Bitte, mit seinen Kindern mal die Uroma besuchen zu dürfen, seien immer barsch abgelehnt worden. Irgendwann hätten sie sich eben nur auf ihre eigenen Probleme konzentriert. Es sei arbeitslos und hätte aufgeatmet, als er gehört hat, dass Heini für die Beerdigungskosten gesorgt hat. Es ist schade, dass alles so gelaufen sei, aber er, als einzige Erbe, würde jetzt ein Haus in Laboe erben. Somit hätte ihm sein Onkel doch noch was Gutes hinterlassen und er könnte jetzt in Laboe einen Neuanfang mit seiner Familie starten.

Gudrun hat ein Schreiben von einem Notar aus Kiel bekommen in dem sie zu Heinis Testamentseröffnung gebeten wurde.

Sie kam völlig verändert wieder. So im Nachhinein betrachtet „traurig geschockt“. Der unsensible Kommentar von Paul: „Na, hat dir der Alptraum deiner schlaflosen Nächte ein paar Pfandflaschen und Pornohefte hinterlassen?“ Was sie daraufhin ihrem Mann erwiderte, möchte ich hier nicht wiederholen. Sie teilte nur mit, dass Heini ihr einen netten Brief hinterlassen hat und einen sehr schönen Ring.

„EINEN NETTEN BRIEF“ Gudrun hat mir diesen Brief gezeigt. Wir haben beide Rotz und Wasser geheult. Gudrun schluchzte: „da mußte erst so alt werden um so einen Brief zu bekommen“ Ein Brief, der so viel über einen Heini aussagt, den wir nie so gekannt haben. Nur so viel, er habe in Gudrun den einzigen Menschen in seinem Leben kennen gelernt, der ihm das Gefühl gegeben hat, dass er etwas wert sei.

Das war aber noch nicht alles. Geschockt war nicht nur Gudrun, sondern auch der Neffe von Heini, als der Notar mitteilte, dass sie die Erbin des Hauses in Laboe ist. Zu Gunsten des Neffen, hat sie auf das Erbe verzichtet. Das sei noch die dunkle Seite von Heini gewesen und nicht gerecht. Die Heulerei hörte nicht auf. Als der Neffe mit Frau und Kinder und einem riesigen Blumenstrauß bei uns vor der Tür stand, ging es wieder los. „Wo immer noch eine Restenergie von Heini ist, er hat es zumindest geschafft, alle zum Heulen zu bringen und Gudrun mit einem Heiligenschein zu versehen“, so der Kommentar von ihrem Mann Paul. Trotzdem war Paul anzumerken, wie stolz er auf seine Gudrun ist.

Jetzt kommt evtl. das Argument: Wenn man genug hat, ist es natürlich einfacher großzügig zu verzichten. Ja, ist das so?? Meistens ist die Gier größer, auch bei denjenigen, die schon genug haben. Kann bestimmt jeder nachvollziehen der Erbstreitereien am Hals hat. Wir haben unser Leben (unsere WG) so eingerichtet, dass wir alle gut klar kommen. Gegen einen zusätzlichen Geldsegen hätten Gudrun und Paul sicherlich nichts einzuwenden gehabt, jedoch nicht unter diesen Umständen.

Auch wenn der ein oder andere vielleicht gedacht hat, so ein bißchen hätte sie da doch noch rausholen können. Es hat keiner etwas gesagt. Sie hat mit ihrem Entschluss auf alles zu verzichten viel an unbezahlbare Achtung gewonnen.

So, jetzt habe ich euch wieder genug vollgesabbelt.

Liebe herzliche Grüße aus Laboe und bleibt gesund

 

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