Klare Regeln und das Ausleben der Persönlichkeit bleibt bestehen

26.10.2017

 

Jetzt denkt ihr bestimmt: Hää, was ist das denn für eine bescheuerte These.

Viele WG-Interessierte sehen das größte Problem in der „richtigen“ Zusammensetzung der WG-Bewohner. Es muss passen, heißt, die Chemie muss stimmen. Da behaupte ich mal ganz ketzerisch, das ist quatsch und dürfte dann, passend gemacht, der langweiligste Lebensabschnitt werden.

Wir acht sind sehr, sehr unterschiedlich, haben jedoch vor Gründung der WG unseren kritischen sozialen Restverstand eingesetzt und erkannt, dass wir unsere über Jahre gepflegten Eigenheiten nur mit klaren Regeln für die Gemeinschaft beibehalten können.

Wir haben in einem großen Kreis – unsere erwachsenen Kinder gehörten dazu – so eine Art Brainstorming (sammeln spontaner Einfälle in einer Arbeitsgruppe) gemacht. Viele kennen das sicherlich aus ihrer beruflichen Tätigkeit. Na, Holla die Waldfee, da ging echt die Post ab!!! da haben sich schon die ersten Ängste, Unsicherheiten und nicht zu erfüllenden Erwartungen gezeigt. Nicht nur bezogen auf Erbregelungen haben unsere Kinder heftig mitgemischt. Der Sohn von Paul und Gudrun z.B. hat seinen Eltern das Haus abgekauft, damit sie in Laboe investieren konnten. Er würde jetzt sein Erbe abbezahlen. Von fehlender Hirnmasse bis undankbares Pack wurde alles aufgearbeitet. Jeder einigermaßen begabte Psychotherapeut hätte hier für Jahre Aufarbeitungsmaterial gefunden.

Die Kinder von Susanne und Dirk sowie unsere beiden Söhne erweckten eher den Eindruck, als seien sie froh uns endlich los zu sein. Ihre Fragen beschränkten sich mehr darauf, wie die Dinge in einem evtl. Pflegefall zu regeln sind. Keine Angst geliebte Brut!!! das war u.a. ein wesentlicher Aspekt diese WG zu gründen. Es wird auch niemand dazu verdonnert einem anderen WG-Mitglied in dem Fall den Allerwertesten abzuputzen.

Paul und mein Mann (unsere liebenswerten Geizhälse) wollten bis zur letzten Kartoffel jeden evtl. auszugebenden Cent geregelt haben. Ihre Einwände und Vorschläge sind, heute betrachtet, im Zusammenleben die wichtigsten. Z.B. wurden Ännes Aufgaben und Gehalt genau festgelegt. Es gibt Essenmarken (wie in einer Kantine). Wichtig!!! – so Paul – damit wenn seine Kinder und 6 Enkel hier einlaufen und den Kühlschrank im Haupthaus leer fressen, die anderen nicht in soziale Konflikte gestürzt werden.

Es muss nicht immer alles erst mal passen. Es gibt viele tolle Mitmenschen, die uns durchaus was bieten können, obwohl wir – ich nehme mich da nicht aus – zunächst erst mal schnell dazu neigen und für uns feststellen: „Der hat aber richtig einen an der Waffel“

Marcel Proust – ein großartiger französischer Schriftsteller – hat, mit wenigen Ausnahmen, seine letzten Jahre fast nur im Bett verbracht, ohne ernsthaft krank zu sein und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben. Liegt im Bett und schreibt darüber 7 Bände. Das hat was  oder?

Michel Houellebecq – sieht aus, als hätte er gerade unter irgendeiner Brücke genächtigt und verhält sich auch sehr provokativ – hat u.a. aber das gr0ßartige Buch „Unterwerfung“ geschrieben.

So gibt es auch Freunde und Bekannte, die auch nach unserem Ermessen nicht richtig ticken, wir uns jedoch gerade zu denen hingezogen fühlen.

Der Weg zu einer funktionierenden WG ist sicherlich kein leichter. Heute kann ich für mich aber sagen, auch wenn diese WG nie zustande gekommen wäre, der Weg dahin war der erlebnissreichste den ich je gegangen bin.

So liebe Freunde wieder Mut zur WG-Bildung gemacht oder „Auf der Suche nach ein bißchen verrückten Freunden?“ Beizeiten ist in dem Fall eine Selbstanalyse auch nicht schlecht ha ha ha

Euch alles Liebe und Gute und viel viel Gesundheit

Eure fidele Alten-WG

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