Distanz oder Nähe in der Wohngemeinschaft

25.01.2017

Die Nähe, die zwangsläufig eine solche Wohngemeinschaft mit sich bringt, wurde sicherlich zu Anfang von einigen von uns auch gefürchtet. Wir kannten uns zwar schon Jahre oder auch Jahrzehnte, jedoch haben wir uns höchstens drei- bis viermal im Jahr gesehen und sind dementsprechend vorsichtig und verständnisvoll miteinander umgegangen.

In so einer Wohngemeinschaft, wie wir sie jetzt gewählt haben, kommt zwangsläufig Nähe auf. Die Wahrheit wird zu einem festen Begriff. Wenn es einem schlecht geht, sehen das die anderen.

Erstaunlich ist die Entwicklung dieser Nähe. Zu Anfang wollte sie keiner so richtig zulassen. Man legte Wert auf Distanz. Jeder kochte ganz bewusst sein eigenes Süppchen. Es war eher wie vier Reihenhäuser in einem Wohnblock, und nach Bedarf Hotelservice.

Wir hatten die Begeisterung für einen Neuanfang und den nötigen Mut uns von alten Strukturen zu befreien aufgebracht, jedoch blieb ein Rest an Skepsis. Uns fehlte einfach die jugendliche Unvoreingenommenheit. Wir hatten sie nicht mehr, aber unsere erwachsenen Kinder und Enkelkinder hatten sie noch.

Von unseren Kindern wurden wir – es ist kaum zu glauben – bewundert, ja tatsächlich, sie waren und sind immer noch mächtig stolz auf ihre Eltern, Omas und Opas, die es gewagt hatten, so eine coole Wohngemeinschaft zu gründen.

Unsere Kinder und Enkelkinder sind es auch gewesen, die unbewusst diese Distanz geknackt haben.

Unser Paar Holger und Maren sind die einzigen, die keine Kinder haben. Komischerweise haben sie es dadurch einfacher einen freundschaftlicheren Stellenwert bei unseren Kindern einzunehmen als jeder andere unserer Wohngemeinschaft. Sie geben unumwunden zu, dass das Beste an der Wohngemeinschaft die Zuneigung unserer Kinder und Enkelkinder sei, von der sie im höchsten Maße profitieren würden.

Die Zwillinge Max und Moritz gehören schon seit Jahren zu ihren festen Feriengästen. Max und Moritz, die Enkelkinder von Gudrun und Paul waren damals zwei siebenjährige Frechdachse. Ihre smmelblonden Haare standen nach allen Seiten ab. Wenn sie wieder was ausgefressen haben und die Schlawiner den Kopf etwas schräg haltend mit ihren großen blauen Augen einen angrinsen, kann man ihnen nicht böse sein. Schon gar nicht Maren, die sie in schöner Regelmäßigkeit um den Finger wickeln.

Ganz ungezwungen teilte das Zwillingspärchen damals nach einem gemeinsamen Frühstück mit: „Wenn wir in den Ferien hier sind, würden wir am liebsten immer, immer, immer nur bei Maren schlafen.“ Wie uns Maren noch heute vorschwärmt, sei das die süßeste Liebeserklärung gewesen, die sie je bekommen hätte.

Holger konnte Maren zunächst nur mit Mühe davon abbringen, sofort eines der oberen Zimmer in ihrem Wohnbereich kindgerecht einzurichten. Nicht lange und es war auch für Holger kein Problem mehr, dass die selbstgemalten Bilder der Zwillinge die Designer-Küche von Maren und Holger schmücken.

Holger und Maren lieben diese Kinder, das ist ganz offensichtlich. Die Ferientermine der beiden sind bei ihnen fest eingeplant. Wenn Freunde sie besuchen, erzählen sie ganz begeistert von den beiden als wären es ihre Enkel und nicht die von Gudrun und Paul.

Gudrun und Paul haben noch vier weitere Enkel und freuen sich, dass die beiden Rabauken so gerne bei Maren und Holger sind.

Vielleicht entsteht hier zeitweise der Eindruck, dass wir uns von morgens bis abends nur amüsieren. Jeder realistisch denkende Mensch weiß, dass es so etwas nicht gibt. Es ist sogar festzustellen, das der eigentliche Zusammenhalt unserer Wohngemeinschaft auf die gemeinsam getragenen Sorgen, Belastungen und Ängste zurückzuführen ist. Da haben wir einige Bewährungsproben überstanden, die wirkliche Nähe wachsen ließen.

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