Die Alten und die Alleinerziehenden

09.02.2017

Auch heute noch wird unser Wohnprojekt oftmals kritisch hinterfragt. Was ist, wenn der erste Pflegefall auftaucht oder wenn alle zu Pflegefällen werden?

Was passiert mit der Wohneinheit im Sterbefall. Für viele Wenn’s und Aber’s haben wir Lösungen gefunden, jedoch nicht für alle Eventualitäten. Oft müssen wir uns anhören, dass unser Wohnprojekt so nur ins Leben gerufen werden konnte, weil wir die Möglichkeit hatten, finanziell zu investieren. Das mag sicherlich zutreffen. Wir haben uns auch mit anderen Wohnprojekten auseinandergesetzt, die für viele, auch ohne großartige finanzielle Mittel, zugegebenermaßen sogar teilweise vielversprechender sind als unsere Wohnform.

Es wachsen hierzu immer neue Ideen und es werden neue Konzepte entwickelt. Es wurde erkannt, dass eine gewisse Vereinsammung gerade älterer Menschen mit Wohnraumanpassung und der Versorgung von Dienstleistungen aller Art nicht zu verhindern war. Es wurde weiterhin erkannt, dass der prozentuale Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft kontinuierlich steigt. Eine ähnliche Entwicklung erleben wir aber bei der Gruppe der allein erziehenden Mütter und Väter.

Beide Gruppen haben vieles gemeinsam: finanzielle Nöte. Sinkender Lebensstandard bis hin zur Verarmung. Große Unterschiede gibt es bei den Ressourcen:Überangebot an Zeit bei den Senioren, andererseits chronischer Zeitdruck bei den Alleinerziehenden. Einerseits der Verlust von Aufgaben und Verantwortung, andererseits die permanente Überforderung.

Die Idee, hier eine Hausgemeinschaft dieser Personengruppen mit dem Ziel der gegenseitigen Unterstützung entstehen zu lassen, ist eine super Sache. Ein Zusammenleben, das dahingehend optimiert wird, dass die Inanspruchnahme externer Dienstleister minimiert wird.

Beate, die Tochter von Gudrun und Paul hat eine Freundin besucht, die in diesem Wohnprojekt bereits zuhause ist. Diese Freundin – eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Mädchen – habe mit diesem Wohnprojekt die optimale Lösung gefunden. Die jüngste geht morgens in den Kindergarten, der auch zu diesem Wohnprojekt gehört, der aber auch von externen Kindern besucht wird. Die Kindergärtnerin sei auch eine Alleinerziehende und das Besondere daran: Auch Senioren betreuen die Kinder auf ehrenamtlicher Basis. Die ältere Tochter der Freundin geht zur Schule. Ihre Kinder sind tagsüber in der Kindertagesstätte, einem „Netz für Kinder“, versorgt und sie selbst kümmert sich als gelernte Altenpflegerin um Senioren.

Besonders angetan war Beate von der Unbekümmertheit, mit der die kleinen Kinder auf die alten gebrechlichen Mitbewohner zugehen. Sie habe gesehen, wie ein keines Mädchen von 4 Jahren einen kleinen Fußhocker direkt vor einem alten Mann stellte. Dieser saß in eine Deck gehüllt in seinem Sessel und starrte teilnahmslos in den Raum. Das Mädchen setzte sich auf diesen Hocker und fing ohne Vorankündigung an zu singen, dabei bewegte es seinen Kopf und seine kleinen Finger hin und her und sag mehrere Strophen eines Kinderliedes. Der alte Mann lachte sie an und wiegte ebenfalls den Kopf hin und her und summte leise mit. Zum Schluss klatschte sie in die Hände und sagte nur: „Tschüss Opa Jahn bis morgen“, stellte den Fußhocker wieder zur Seite und rannte davon.

Opa Jahn starrte zwar nach einiger Zeit wieder teilnahmslos in den Raum jedoch summte er dabei zufrieden vor sich hin. Morgen würde die kleine Evi wieder da sitzen und ihm ein kleines Lied vorsingen, so wie sie es fast jeden Tag tat. Diese kleine Geschichte spricht für sich. Als Beate sie uns erzählte, hatte ich einen mächtigen Kloß im Hals und war diesmal dankbar, dass aus Pauls Richtung der unsensible Spruch kam: „Na vielleicht ist das immer die Zeit, wo Opa Jahn seine Pampers voll macht.“ Trotzdem, auch Paul konnte dem nur zustimmen, dass wir zu Recht von einem Werteverlust in unserer Gesellschaft sprechen müssen. Mit diesem geschilderten Wohnprojekt ist jedoch ein weiterer Ansatzpunkt gefunden worden, dem entgegen zu wirken. Hier werden Senioren in das gemeinschaftliche Leben integriert. Ihnen werden, selbstverständlich freiwillig, Verantwortung für die Gemeinschaft, aber auch für einzelne Kinder übertragen. Sie können ihre Erfahrungen an jüngere Menschen weitergeben und erfahren dadurch eine neue Wertschätzung und Lebensfreude. Alleinerziehende erfahren Entlastung im familiären Alltag, Freiraum für soziale Kontakte, eine Berufstätigkeit wird mit der Familie wieder vereinbar.

 

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