Die alte Dame am Strand

03.02.2017

Über Jahre wurde das Projekt Wohngemeinschaft immer wieder in langen Sommernächten in Laboe oder dann konkreter in Berlin bei Maren und Holger heiß diskutiert. Diejenigen, die zu Anfang die größten Bedenken hatten, wie Holger und mein Mann Wolfgang, sind heute die eifrigsten Verfechter dieses modernen Altenkomplexes.

Ich saß mit Holger im Strandcafe. Wir unterhielten uns über seine neue Glasbilder-Ausstellung in Kiel. Die Zwillinge Max und Moritz trieben unterdessen ihr Unwesen am Strand, als eine sympatische ältere Dame zu uns kam und fragte ob wir die Großeltern dieser beiden „Jumbüdels“ seien.

Was die beiden jetzt wieder angestellt hatten, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur noch erinnern, wie Holger – ganz Gentleman – die Dame bat sich zu uns zu setzen und mit uns einen Kaffee zu trinken. Nach kurzer Zeit wurde unser Holger – der größte Bedenkenheini betreffend Wohngemeinschaft Laboe – zum glühendsten Verfechter dieses Projektes. Es wurden alle Vorteile von ihm aufgezählt. Die Dame nickte nur und konfrontierte ihn dann mit den Bedenken, die er vor Jahren selber zum Besten gegeben hatte. Es fiel mir zwar schwer, jedoch habe ich mich zurückgehalten und nur ihn reden lassen.

An diesem Nachmittag habe ich den sonst so verschlossenen teilweise, wie ich glaubte, kühlen und schrägen Holger ganz anders erlebt.

Er pflichtete unserer Tischnachbarin bei, dass nicht jeder in so einer Wohngemeinschaft gut aufgehoben sei, nicht jeder im Alter ein Pflegefall wird und der Familie zur Last fällt, nicht jeder sich mit seinem langjährigen Partner im Alter anödet und zu Tode langweilt. Es gäbe schließlich auch Rentner, die ganz zufrieden mit sich und ihrer Umwelt im Kreise ihrer Familie leben und eines Tages einfach nicht mehr sind.

Für ihn und seine Frau sei es jedoch wichtig gewesen, die Verantwortung für sich bis zum letzten Atemzug selbst zu übernehmen und dieses Kapitel nicht anderen zu überlassen. Als die Dame sich immer noch nicht einsichtig zeigte und nicht in die erwarteten Begeisterungsstürme ausbrach, zeigte sich der sonst so zurückhaltende Gentlemann von einer ganz anderen Seite. Er hatte auf einmal die Faxen dicke und fuhr mit härteren Geschützen auf: „Stellen sie sich mal vor. Man hat sie mit 88 in den Wartesaal eines Altenheimes geschoben. Sie sitzen da, den Kopf nach hinten gekippt, den Rachen weit geöffnet, so dass jeder ihre Mandeln, falls noch vorhanden, sehen kann ob er will oder nicht und um sie herum fremde Leute, die glauben sie bedauernswertes Geschöpf würden nichts mehr mitbekommen. Aber, meine Dame, wenn einer von uns so weit ist, sind es keine Fremden, die in diesen Hals schauen, sondern Freunde, Freunde, die diesen offenen Mund lieben, aus dem so manche erinnerungswerte und liebevolle Frechheit (ob er wohl mich damit meinte) herausgekommen ist.“

Mann, ich war platt, und die Dame, die uns gegenüber saß, ebenfalls. Als er sein etwas übertriebenes Plädoyer beendet hatte, saßen wir beide mit offenem Mund da. Wir sind dieser Dame später noch drei- oder viermal begegnet. Sie hat uns zwar immer freundlich gegrüßt, anschließend aber eine andere Richtung eingeschlagen. Nach dem Erlebnis habe ich Holger ganz anders gesehen. Hoffentlich bleibt es uns beiden erspart einmal mit offenen Rachen nebeneinander zu sitzen.

Solche Nachmittage und Erlebnisse sind für mich immer wieder eine positive Bestätigung unseres Laboeprojekts. Hätte ich an dem Nachmittag mit meinem Mann in dem Strandcafe gesessen, hätte er sich bei der Dame entschuldigt, die Zwillinge eingesammelt, wäre mit mir und den Kindern maulend über die sich beschwerende Zimtzicke (ältere Dame) nach Hause gegangen und der Tag wäre gelaufen. So konnte ich ihm die Geschichte erzählen und wir beide haben uns noch im nachhinein über Holgers Eifer amüsiert.

 

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