Der „Toskanische Innenhof“ und das Gebet

22.02.2017

Wenn man sich so lange kennt, wie wir, sollte man im Laufe der Zeit ein feines Gespür für die Empfindlichkeiten des anderen entwickelt haben. Natürlich kommt es schon mal vor, dass man in das bekannte Fettnäpfchen tritt, manche jedoch fallen direkt in den Fett-„Eimer“. So zum Beispiel immer wieder unser lieber Paul, der Mann von Gudrun. Er hat es immer noch nicht kapiert, dass Dirk, der Angetraute von Susanne, ein empfindsamer Mensch ist, der wenig Verständnis für die Lachsalven von Paul aufbringt, die sicherlich meistens ansteckend sind aber auch nicht selten mehr als unpassend.

So wie Paul es versteht, in gemütlicher Runde einen Witz nach dem anderen zum besten zu geben, so wird Dirk oftmals nach einigen Gläsern Rotwein melancholisch. Da kann es schon mal vorkommen, das Paul den Zeitpunkt verpasst und vor Lachen losbrüllt, obwohl der Moment alles andere als witzig ist.

Dirk hatte Geburtstag. Nach einem fürstlichen Mal saßen wir alle hübsch beieinander in unserem toskanischen Innenhof. Da es abends schon etwas frisch war, sorgten die Heizstrahler (von Maren und Holger gesponsert) für eine angenehme Wärme. Wir hatten´s, wie Gudrun jedes mal zu sagen pflegt „saugemütlich.“

Ohne dass unser Paul es mitbekam, hatte unser Geburtstagskind Dirk seinen Alkoholpegel mittlerweile wieder auf die melancholische Phase gebracht und wollte sich bei uns mit einem „Gebet eines älter werdenden Menschen“, das der heiligen Theresa von Avila (1515-1582) zugeschrieben wird, für seine Geburtstagsgeschenke bedanken. (Nur mal so am Rande. Das war zunächst für alle etwas befremdlich „der Mann war bei der Bundeswehr!!!)

Auszug aus dem Gebet:

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter werde und eines Tages alt.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheit anderer erledigen zu müssen.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheiten erscheint es mir schade, sie nicht weiterzugeben, aber du  verstehst ,oh Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden, sie nehmen zu und die Lust,sie zu beschreiben,wächst von Jahr zu Jahr usw. usw.

zugegebenermaßen schöne Worte, jedoch schon bei den Worten von Dirk „Ich möchte mich bei euch mit einem Gebet bedanken“ und „Oh, Herr,du weißt besser, dass ich von Tag zu Tag älter werde und eines Tages alt“, prustete Paul los und konnte sich kaum beruhigen. Normalerweise zog Dirk bei solchen Gelegenheiten beleidigt ab. Es dauert dann meistens zwei bis drei Tage, bis wir Frauen ihn wieder mit unserer Hobbypsychologie davon überzeugen konnten, dass unser Paul eigentlich ein ganz lieber Kerl ist und mit seinen Lachsalven nur seine Ängste wahre Gefühle zu zeigen überspiele. Zudem sei er ein Kulturbanause, den man nicht so ernst nehmen sollte.

An dem Abend jedoch trug Dirk das Gebet unbeeindruckt vor. Unser Kulturbanause Paul verzog sich nach einiger Zeit, als er merkte, dass sein Lachen diesmal nicht so ansteckend war. Uns fiel auf, dass nach diesem Abend Pauls ungezügelte Temperamentsausbrüche seltener wurden, sobald Dirk etwas zum besten gab. Das Gebet hatte also zumindest Paul schon erreicht.

 

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