Der gestresste Holger und das Klassentreffen von Wolfgang

21.02.2017

Unser Holger ist vielleicht nicht unbedingt der Mensch, den man auf Anhieb in sein Herz schließt. Ganz anders sieht es aber mit seinen gläsernen Fensterbildern aus. Er geht zwar sehr selbstkritisch mit seinen Werken um, aber wehe irgendein Banause !!! der keine Ahnung hat !!! gibt hier ein kritisches Urteil ab. Das kann unser Holger überhaupt nicht vertragen.

Er hatte bisher erfolgreiche Ausstellungen und kann von Glück reden, dass er mit Maren verheiratet ist, ansonsten wäre schon so manche Ausstellung kurzfristig von Holger geschmissen worden. Vor der letzten Ausstellung in Kiel hatte der Veranstalter nur gefragt: „Wo wollen sie die Dinger denn hinhängen?“ „Die Dinger!!!“ schrie der etwas gestresste Holger. Der Mann schreckte erschrocken zusammen. Maren eilte herbei und teilte beschwichtigend mit, dass ihr Mann etwas gestresst sei, sie aber während der ganzen Ausstellung auch da sei. Holger setzte sich auf eine noch nicht ausgepackte Kiste und brummelte vor sich hin „dass man von Glück reden könne, dass er seine Wärterin geheiratet habe.“ Der Veranstalter war offensichtlich einiges gewohnt, sah Maren mit einem mitleidigen Blick an und sagte nur: „Na dann viel Erfolg und wenn etwas ist, wende ich mich an Sie, meine Liebe.“

Paul und Dirk hatten sich bereit erklärt, Holger beim Aufbau behilflich zu sein. Sie hatten die ganze Szene mitbekommen und schauten belustigt hinter dem Veranstalter her, der mit einem gekonnten Hüftschwung und einer gestelzten Gangart die Ausstellungsräume verließ. Paul grinste Holger an und sagte:

„Mensch der Schwulihuber der gerade hier seinen Auftritt hatte, könnte doch Deine Bilder vorstellen, der hat das voll drauf.“ Mit wiegenden Hüften und großartig gestikulierend schritt Paul an der Bildergalerie vorbei und verkündete: „Mein Damen und Herren, diese „Dinger„(Glasbilder) entstehen in althergebrachter Handarbeit. Modernes farbiges Glas in Verbindung mit Bleiprofilen ergibt eine einzigartige Farbbrillanz. Man kann die warme !!! positive Ausstrahlung und Lebendigkeit in den Bildern bei verschiedenen Lichtverhältnissen fühlen.“

Paul bewies schauspielerisches Talent und die Stimmung war wieder gerettet, sogar Holgers brummige Miene hellte sich wieder auf.

Eine wahre Augenweide ist das 1,50 x 2,00 m große Fensterbild in unserem Kaminzimmer. Es zeigt eine toskanische Landschaft. Leider gewöhnt man sich sehr schnell an schöne Dinge und die Faszination lässt nach.

Als mein Mann Wolfgang jedoch einmal mit einem verstauchten Knöchel darauf angewiesen war, dass Änne und die anderen Mitglieder unserer Wohngemeinschaft ihn mitversorgten (ich war mit Gudrun und Maren in Italien), lag er im Kaminzimmer mit Blick auf das große Fensterbild von Holger, welches er jetzt von morgens bis abends vor Augen hatte.

In einem Telefonat schwärmte er mir von diesem einmaligen Bild vor, als hinge es erst seit gestern in unserem Fenster. Es erreichte ihn sogar das Gefühl einer leichten Zuneigung für Holger. Die sich in dem Satz ausdrückte: „Einer der solche Bilder erstellt, kann eigentlich kein Ar…sein oder was meinst du dazu Spatzel?“

Ja, was sollte ich dazu sagen. Als ich das Gudrun und Maren erzählte, sind die in schallendes Gelächter ausgebrochen. Gudrun konnte es sich natürlich nicht verkneifen und setzte noch prustend eins darauf: „Wenn er mal wieder eine leichte Abneigung gegen Holger verspürt, brechen wir ihm einfach ein Bein und sperren ihn im Kaminzimmer ein.“ (die Frau muss immer übertreiben)

Was solls, ab und zu gönnen wir uns eben auch einige fiese Bemerkungen. Von Gudrun kommt auch der Spruch: „Wenn alle anderen Muskeln langsam erschlaffen, sollte man die Lachmuskeln mehr um Einsatz bringen um die Dinge wieder zu kompensieren.“

Zugegebenermaßen sind unsere männlichen Lieblinge nun mal pflegeleichter als Frauen. Das leuchtende Beispiel hierfür ist für mich immer wieder das Begrüßungssezenario auf einem Parkplatz in Münster. Ich fuhr meinen Mann Wolfgang zu seinem Klassentreffen. Teilweise hatten sich die nunmehr älteren Herren über 40 Jahre nicht gesehen und doch gab es einige, die sich auf Anhieb erkannten. Doch wie begrüßten sie sich, ich war fassungslos: „Hallo Wölfi, du alter Sack, man bist du alt geworden.“ „Berni? Berni Upphaus? Mensch Berni du siehst aber scheiße aus, ha, ha ha.“ Sie fielen sich dabei lachend in die Arme.

Im Gegensatz dazu stelle ich mir ein Klassentreffen unter Frauen nach 40 Jahren vor. Kaum vorstellbar, dass ich irgendeiner Ex-Mitschülerin nach 40 Jahren in die Arme fallen und ihr in ungezwungener Heiterkeit mitteilen kann: „Du siehst echt Scheiße aus“. Wir bevorzugen in unserer Wohngemeinschaft natürlich einen gepflegteren Umgangston. Jedoch ist festzustellen, dass unsere männlichen Mitglieder zeitweise miteinander ruppiger umgehen, was zugegebenermaßen auch so manches Mal für heitere Ausbrüche sorgt.

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