Der charmante Rudi

14.02.2017

Die Männer in unserer Wohngemeinschaft haben ihren hässlichen Heini und wir Frauen unseren schönen charmanten Rudi. Rudi ist auch heute noch kaum zu übersehen und gehört für uns Frauen genau so zu Laboe wie das Marine-Ehrenmal. Als wir Rudi kennen lernten war er Mitte bis Ende 50, er besitzt die markanten Gesichtszüge des typischen Norddeutschen, volle silbergraue Haare, sehr blaue Augen, groß und schlank, immer leicht gebräunt, sehr geschmackvolle – meist helle -Kleidung.

Es kommt noch besser: vorbildliche Manieren und eine so positive Ausstrahlung, die dich verzaubert und dir das Gefühl vermittelt, der meint nur dich. Gudrun, Maren, Susanne und ich sind uns einig, er ist einer der wenigen Menschen, der die Frage: „Wie geht es dir?“ ernsthaft beantwortet haben möchte. Rudi ist unser Vertrauter und wir vier lieben ihn. Jetzt denkt sicherlich jeder, das kann ja wohl irgendwie nicht angehen.

Ich kann mich noch gut an den ersten Abend mit Rudi erinnern. Weiberabend war angesagt. Wir hatten uns dazu Harrys Fischküche ausgesucht. Harrys Frau Hiltrud hatte für uns draußen vor dem Lokal einen geschützten Platz mit vollen Blick auf den Hafen reserviert.

Hiltrud saß bereits mit einem Gast – unserem Rudi – an dem für uns reservierten Tisch. Rudi strahlte uns an und sagte in seinem lang gezogenen Norddeutsch: „Hiltrud, das sind alles deine Freundinnen? Toll.“ Er sprang auf stellte sich vor und begrüßte jede von uns mit einem Handkuss. Vier selbstbewusste Frauen standen da, wie die Schafe und wussten nicht, was sie davon halten sollten. Wollte der uns jetzt hier veräppeln oder ist der immer so?

Er ist tatächlich immer so!!!

Seiner Aufforderung doch Platz zu nehmen, er würde sich auch gleich verziehen, sind wir wie im Trance nachgekommen. Er empfahl uns die vorzüglichen Garnelen, dazu das geröstete Knoblauchbrot mit der Knoblauchoße, einen kleinen Salat und einen guten kühlen Weißwein. Das alles habe er zu sich genommen. Er würde gleich Platz machen und an einem anderen Tisch noch ein weiteres Fläschchen riskieren, denn heute sei er in bester Weinlaune.

Wenn ich heute daran zurückdenke muss ich immer noch innerlich grinsen. Wie dämlich müssen wir vier ihn in diesem Moment wohl angestarrt haben, zumal in Erinnerung unserer eigenen Männer. Unsere Männer sind zwar meistens lieb, nett und verträglich, können auch ab und zu mal charmant sein. Jedoch taten sich hier im Gegensatz zu Rudi Gräben auf.

Die erste, die sich wieder gefangen hatte, war unsere Maren. Sie bat Rudi, doch sitzen zu bleiben er würde keinesfalls stören. Rudi war der Mittelpunkt unseres Abends. Nach kurzer Zeit waren wir alle in bester Weinlaune, sogar unsere Susanne, die nur sehr selten ein Gläschen zu viel trinkt. Wir hatten noch etwas gemeinsam: Wir hatten uns alle in Rudi verliebt. Rudi hatte auch schon schwer getankt und eröffnete uns ganz locker. „Ich liebe euch alle meine Mädels, aber ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Gefährlich kann ich euch nicht werden ihr Süßen“

Ach so war das also, „so eine Verschwendung für die Damenwelt!!!“, etwas enttäuscht waren wir schon, aber jetzt konnten wir ihm auch ganz locker einige Schmatzer aufdrücken, war ja nichts dabei, er konnte uns ja nicht gefährlich werden. Der Abend wurde immer ausgelassener und es sollten noch viele Weiberabende mit Rudi folgen.

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