Wie bereits erwähnt sind meine selbstgestrickten Socken nicht so gut angekommen. Da sieht es mit den Bleiverglasungen von Holger schon anders aus. Susanne und ich konnten ihn überreden, seine Kunstwerke in Franziskas Hotel auszustellen. Auch ohne Hotel ist Franziska die Frau mit dem gewissen Etwas. Auf den Mund ist sie ebenfalls nicht gefallen. Ich kann mich noch gut an eine plumpe Anmache eines stark angetrunkenen Gastes erinnern, der zu ihr sagte:“Wenn sie ihre Brille nicht tragen, sehen sie gar nicht so übel aus.“ Vorauf sie ihn angrinste und erwiderte: „Wenn ich meine Brille absetze, sie auch nicht.“

Ansonsten besteht aber in ihrem Hotel ein ausgemacht freundliches Ambiente. Da ihr Hotel über sehr viele große Fenster verfügt, war es genau das richtige für Holgers Bleiverglasungen. Es handelt sich um echte Bleiverglasungen, ein altes Kunstwerk, darauf legt Holger den allergrößten Wert. Wehe einer versucht irgendwelche Parallelen zu einfachen, aufgemalten Bleiverglasungen herzustellen oder gar das Wort Tiffaniarbeiten zu erwähnen, der kann sich auf einen ellenlangen Vortrag gefasst machen.

Holger ist auf dem Gebiet ein Meister. Er hat ein sicheres Gefühl für Farben und versteht es aus vielen unterschiedlich geschnittenen Gläsern die schönsten Motive zu zaubern. Besonders gut gefällt mir seine toskanische Landschaft. Das große Bild hängt natürlich im Fenster unseres Kaminzimmers. Die kräftigen Farben der Toskana kommen hier voll zur Geltung. Sie schillern jedoch je nach Lichteinwirkung mal in zarten sanften Tönen, um dann wieder gegen Spätnachmittag langsam in kräftigen Farben überzuwechseln. Maren hat recht,wenn sie sagt, das seine Bilder leben. Seine Frau Maren hat es übernommen, seine Kunstwerke an den Mann bzw. Frau zu bringen, da Holger im Verkauf eine einzige Katastrophe ist, wenn die Interessenten nicht sofort in Begeisterung ausbrechen und in ihm und seinem Werk den wahren Künstler sehen. Das konnten wir auch an dem besagten Tag feststellen.

Gudrun, Susanne und ich hatten uns am Vorabend darauf geeinigt, dazu beizutragen, das Geschäft mit Maren zusammen anzuheizen. Wir wollten alle morgens in dem Hotel Frühstücken und waren natürlich neugierig, welche Reaktionen die Bilder bei den Gästen hervorrufen würden. Die Bilder hatten Holger und Maren mit Freddys Hilfe (der Mann unserer Haushälterin Änne) schon am Vorabend in allen Hotelfenstern im unteren Bereich aufgehängt und boten am darauffolgenden Morgen ein herrliches Farbenspiel.

Holger und Dirk sind morgens nach Kiel gefahren. Wir konnten also davon ausgehen, dass die beiden nicht so schnell auftauchen würden. Die ersten Hotelgäste trafen zur Frühstückszeit ein und waren sehr angetan von den Fensterbildern. Einige wussten den Wert dieser Bilder sicher einzuschätzen und schreckten auch nicht davor zurück, dass diese Bilder je nach Größe und Gläser teilweise 1.500 bis 4.000 Euro kosten sollten. Sie informierten sich an der Rezeption nach dem Künstler und sagten, wenn der Urlaub zu Ende sei, hätten sie sich sicher mit einem der Bilder so vertraut gemacht, dass sie es evtl. kaufen würden.

Doch wie es das Schicksal will, trafen Künstler Holger und unser Dirk genau in dem Moment ein, in dem ein Berliner Ehepaar seine unqualifizierten Kritiken über die Bilder an der Rezeption freien Lauf lies:“Also, det glob ik nich, hörn se ma, dett darf doch wohl nich wahr sein, dett sonn Bastler mit seene bunten  TIFFANI-SCHINKEN so viel Kohle abzieht, wa. Mene Frau hat dett inne Volkshochschule jemacht.“

BASTLER, TIFFANI-SCHINKEN, das war zuviel für unseren Holger. Am liebsten hätte er den „Macker“ und „Kulturbanausen“ in Grund und Boden gekloppt, wie er uns später versicherte. Gott sei Dank war Franziska in der Nähe, hat sich bei Holger eingehakt und ihn in ihr Büro gezogen – zum Glück, so konnte er nicht sehen, dass Dirk einen fürchterlichen Lachanfall bekommen hatte und kaum zu beruhigen war. Mittlerweile hat Holger seinen Schock überwunden und hat danach an seine nächste Ausstellung gearbeitet, die in Kiel stattfand.

So allmählich bekommen Sie einen Einblick liebe Leser wie wir acht ticken. Würde auch gerne die passenden Bilder dazu liefern. Das hat aber der Rest der Truppe verboten.

 

Entweder merkt man manche Dinge ab einem gewissen Alter nicht mehr so schnell oder die anderen lassen einen in seinem Wahn.

Wenn ich noch an meine selbst gestrickten Socken denke. Für jeden hatte ich ein Paar gestrickt. Ich war begeistert von den bunten Dingern,  dass ich allen Ernstes glaubte, es würde sich jeder dafür begeistern. Es hätte mir eigentlich eher auffallen müssen, denn immer wenn ich irgendwo saß und fleißig strickte und jemand mich fragte, na für wen sind „die“ denn, hatte ich doch tatsächlich geglaubt, derjenige fragte nur, weil er es kaum abwarten konnte selber ein Paar zu bekommen.

Es ist mir nicht aufgefallen, dass Maren ihr Sockenpäckchen mit spitzen Fingern auspackte. Sogar die Frage meines Mannes, ob ich jetzt vorhätte, ganz Laboe mit „den Dingern“ einzustricken, kam bei mir nicht richtig an. Aber irgendwann fiel es mir auf, keiner trug meine Socken. Nur unser Änne trug ihre mit Begeisterung und zwar sehr häufig. Ich bot ihr an, ihr noch welche zu stricken.

Sie aber sagte:“Nee, nee, das ist nicht notwendig, ich hab die in allen Größen.“ Woher sie die hatte habe ich dann nicht mehr gefragt.

Na gut, meine Socken sind eben nicht so gut angekommen. Da sieht es mit den Bleiverglasungen von Holger schon anders aus. Aber dazu später.

Heute mal unser Heinichen und die Wohngemeinschaft

In jungen Jahren waren wir mit unseren Kindern meistens in der Zeitspanne von Mai bis September in Laboe. Es war Trubel und Strandurlaub angesagt. Heute ist für uns die schönste Zeit im Herbst und Winter. Mit dem Fahrrad fahren wir auf dem Deich entlang und besuchen das beheizte Meerwasserwellenbad.

In einer Gaststätte auf der Strandstrasse wärmen wir uns nicht selten nach einem langen Winterspaziergang durch Eis und Schnee mit einem „steifen“ Grog auf. Da kann es schon mal reichlich spät werden, wenn aus dem steifen Grog ein paar  mehr werden.

Es ist natürlich nicht so, dass wir immer alle unter einem Hut bekommen. Laut Paul kann man schließlich nicht immer im Rudel auflaufen. Regelmäßig nehmen an diesen Spaziergängen Paul, seine Frau Gudrun, mein Mann Wolfgang und ich teil. Oftmals ist es so, dass wenn wir in unserer Lieblings- Kneipe ankommen und unser Dirk schon mit Heini, dem großen Witzerzähler, etwas vorgeglüht hat, das heißt, er hat schon einige Grogs auf und Heini hat Dirk schon mit einigen Witzen amüsiert. Im Gegensatz zu Dirk findet seine Frau Susanne Heini unmöglich und ekelig.

Ein Glück für Dirk, so bleibt Susanne schön zuhause und sie kann seine Grogs und Bierchen nicht zählen und die anderen – also wir – wollten ja unbedingt in diese Gaststätte, in der wir regelmäßig Heini treffen.

Wer ist Heini? Heini ist ein kleiner, aus der Form geratener Mann um die 70 Jahre. Er hat ein sehr volles, meistens stark gerötetes Gesicht, welches in direkter Verbindung mit dem Oberkörper steht – also einen Hals hat er offensichtlich nicht. Seine blutunterlaufenen wässrig-blauen Augen werden durch seine Schlupflieder fast ganz verdeckt. Seine paar grauen Haare hat er mit etwas Haarspray von der rechten auf die linke Seite geklebt. Was er da mitten im Gesicht hat, war sicherlich vor Jahrzehnten mal eine Nase. Jetzt ist dazu nur noch Knolle zu sagen. Diese Knolle schimmert leicht bläulich und wird zu allem Überfluss auch noch mit einer behaarten Warze geschmückt.

Von einem gefälligen oder annehmbaren Erscheinungsbild kann man hier sicherlich nicht reden, das hält Heini aber offensichtlich nicht davon ab, sich unwiderstehlich zu finden. Es versäumt es nie, uns „alte Schrauben“ zu verdeutlichen, dass wir sicherlich auch schon bessere Zeiten gesehen hätten und man sich als Mann, sofern man natürlich über die finanziellen Mittel verfügt, auch noch im späten Alter „junge Dinger“ leisten könne. Die meisten Männer seien aber Gewohnheitstiere, und man hält ja gerne an altvertraute Dinge fest.

Heinis Witz: Zwei ältere Männer auf einer Party: „Ganz schön viel Frischfleisch hier.“ „Das kannste laut sagen, leider habe ich meine Konserve dabei.“

Ich kann mich noch gut an diesen ersten Heini-Abend erinnern. Mein Mann Wolfgang, Paul und Dirk, in bester Groglaune, schüttelten sich vor Lachen. Gudrun, Susanne und ich grinsten säuerlich und kochten innerlich. Unsere Döspaddels amüsierten sich mit diesem minderbemittelten Angeber auf unsere Kosten. Bei Gudrun war der Siedepunkt erreicht. Sie parierte giftig: „Ja, mein Lieber, die Welt ist nun mal grausam zudem leider nur auf Äußerlichkeiten abgestellt. Leider haben manche das Pech, so hässlich zu sein, dass die jungen Dinger schon blind sein müssen. Aber vielleicht hat so ein alter hässlicher Sack noch Glück, so nach dem Motto:“ Nur der Blindenhund hat etwas geknurrt.“ Da trat Stille ein, jeder wußte wer gemeint war. Gudrun war das egal. Es hatte gesessen. Die Männer waren etwas betroffen und schauten Heini mitleidig an.

Susanne und ich taten so, als wenn wir nicht wüssten um was es ginge. Gudrun setzte noch leicht ironisch einen drauf: „Jemand noch einen Grog, vielleicht können wir uns ja schön saufen.“

Heini entschärfte die Situation in dem er noch einen Witz um Besten gab: „Zwei ältere Damen spazieren über den Friedhof. Holt die eine einen Lippenstift und Lidschatten raus, beginnt sich zu schminken. Die andere fragt erstaunt:“ wie alt sind sie denn?“ -68″ – und da schminken sie sich noch?“ Die andere Dame entgegnet: „Wie alt sind  denn Sie?“  -98″ – und dann gehen Sie noch nach Hause?“

Wenn wir heute in der Kneipe Heini begegnen, ist es Gudrun, die mit weit ausgebreiteten Armen auf Heini zugeht und ihn mit den Worten empfängt: „Heinichen, der Traum meiner schlaflosen Nächte“

Es ist nicht zu übersehen, dass Heinichen das gefällt. Er hat sich angewöhnt, uns Frauen mit Küßchen zu begrüßen. Das hat Susanne gänzlich davon abgehalten, noch einmal die Kneipe zu betreten. Heini ist immer noch ein Angeber, wenn wir Frauen dabei sind, hält er sich jedoch mit seinen frauenfeindlichen Äuserungen zurück. Geht doch!!!!

 

 

Viele fühlen sich auch mit über 80 noch ganz wohl in ihrer Umgebung. Es geht auch gar nicht darum, dass jetzt jeder unbedingt so einer Wohngemeinschaft beitreten sollte. Es gibt durchaus immer noch super Familienstrukturen, die sich abwechselnd bis zum letzten Atemzug liebevoll um ihre alten Eltern kümmern. Rentner, die ihre Befriedigung in der ständigen Betreuung ihrer Enkelkinder finden.

Oft hören wir den Satz: So eine Altenwohngemeinschaft wäre „später“ auch etwas für mich, da ich ansonsten wahrscheinlich in einem Altenheim lande. Später? wann?

Die Antwort: „wenn ich nicht mehr alleine klar kommen sollte. Jetzt fühle ich mich noch ganz wohl und möchte nichts verändern“

Da machen viele einen Denkfehler. So eine Wohngemeinschaft wie wir sie praktizieren, sollte nicht als Notlösung, Altenheim oder Vorstufe zum Friedhof gesehen werden, sondern als eine gute wirtschaftlich günstige Herausforderung.

Die wirtschaftlich günstige Herausforderung sei so erklärt.

Sie haben z.B. ein Reihenhaus.Das wird verkauft und sie investieren das Geld in Ihre neue Wohneinheit. Mit beispielsweise 8 Personen, ist es kein Thema eine Hausangestellte zu finanzieren. Diese Person ist auch in der Lage, falls nötig, den Einsatz des ambulanten Pflegedienstes zu beaufsichtigen.

alternativ:

Ein Heimaufenthalt ist unumgänglich. Von jetzt auf gleich werden Sie in eine andere Umgebung untergebracht. Sie müssen Ihr Reihenhaus verlassen. Es muss verkauft werden, da sie ansonsten die hohen Heimkosten nicht aufbringen können. Zur Zeit kostet ein monatlicher Heimaufenthalt ca. 4500 Euro.

Also, warum soll man beizeiten nicht umdenken und seinen Besitz, den man liebevoll Jahre gehegt und gepflegt hat gut anlegen und nicht abwarten, bis er jeden Monat mit einem Altenheimkostenaufenthalt dahinschmelzt.

Das wichtigste jedoch ist, Ich bin in meiner neuen selbstgewählten und selbst finanzierten Umgebung heimisch geworden.

 

 

 

Die Nähe, die zwangsläufig eine solche Wohngemeinschaft mit sich bringt, wurde sicherlich zu Anfang von einigen von uns auch gefürchtet. Wir kannten uns zwar schon Jahre oder auch Jahrzehnte, jedoch haben wir uns höchstens drei- bis viermal im Jahr gesehen und sind dementsprechend vorsichtig und verständnisvoll miteinander umgegangen.

In so einer Wohngemeinschaft, wie wir sie jetzt gewählt haben, kommt zwangsläufig Nähe auf. Die Wahrheit wird zu einem festen Begriff. Wenn es einem schlecht geht, sehen das die anderen.

Erstaunlich ist die Entwicklung dieser Nähe. Zu Anfang wollte sie keiner so richtig zulassen. Man legte Wert auf Distanz. Jeder kochte ganz bewusst sein eigenes Süppchen. Es war eher wie vier Reihenhäuser in einem Wohnblock, und nach Bedarf Hotelservice.

Wir hatten die Begeisterung für einen Neuanfang und den nötigen Mut uns von alten Strukturen zu befreien aufgebracht, jedoch blieb ein Rest an Skepsis. Uns fehlte einfach die jugendliche Unvoreingenommenheit. Wir hatten sie nicht mehr, aber unsere erwachsenen Kinder und Enkelkinder hatten sie noch.

Von unseren Kindern wurden wir – es ist kaum zu glauben – bewundert, ja tatsächlich, sie waren und sind immer noch mächtig stolz auf ihre Eltern, Omas und Opas, die es gewagt hatten, so eine coole Wohngemeinschaft zu gründen.

Unsere Kinder und Enkelkinder sind es auch gewesen, die unbewusst diese Distanz geknackt haben.

Unser Paar Holger und Maren sind die einzigen, die keine Kinder haben. Komischerweise haben sie es dadurch einfacher einen freundschaftlicheren Stellenwert bei unseren Kindern einzunehmen als jeder andere unserer Wohngemeinschaft. Sie geben unumwunden zu, dass das Beste an der Wohngemeinschaft die Zuneigung unserer Kinder und Enkelkinder sei, von der sie im höchsten Maße profitieren würden.

Die Zwillinge Max und Moritz gehören schon seit Jahren zu ihren festen Feriengästen. Max und Moritz, die Enkelkinder von Gudrun und Paul waren damals zwei siebenjährige Frechdachse. Ihre smmelblonden Haare standen nach allen Seiten ab. Wenn sie wieder was ausgefressen haben und die Schlawiner den Kopf etwas schräg haltend mit ihren großen blauen Augen einen angrinsen, kann man ihnen nicht böse sein. Schon gar nicht Maren, die sie in schöner Regelmäßigkeit um den Finger wickeln.

Ganz ungezwungen teilte das Zwillingspärchen damals nach einem gemeinsamen Frühstück mit: „Wenn wir in den Ferien hier sind, würden wir am liebsten immer, immer, immer nur bei Maren schlafen.“ Wie uns Maren noch heute vorschwärmt, sei das die süßeste Liebeserklärung gewesen, die sie je bekommen hätte.

Holger konnte Maren zunächst nur mit Mühe davon abbringen, sofort eines der oberen Zimmer in ihrem Wohnbereich kindgerecht einzurichten. Nicht lange und es war auch für Holger kein Problem mehr, dass die selbstgemalten Bilder der Zwillinge die Designer-Küche von Maren und Holger schmücken.

Holger und Maren lieben diese Kinder, das ist ganz offensichtlich. Die Ferientermine der beiden sind bei ihnen fest eingeplant. Wenn Freunde sie besuchen, erzählen sie ganz begeistert von den beiden als wären es ihre Enkel und nicht die von Gudrun und Paul.

Gudrun und Paul haben noch vier weitere Enkel und freuen sich, dass die beiden Rabauken so gerne bei Maren und Holger sind.

Vielleicht entsteht hier zeitweise der Eindruck, dass wir uns von morgens bis abends nur amüsieren. Jeder realistisch denkende Mensch weiß, dass es so etwas nicht gibt. Es ist sogar festzustellen, das der eigentliche Zusammenhalt unserer Wohngemeinschaft auf die gemeinsam getragenen Sorgen, Belastungen und Ängste zurückzuführen ist. Da haben wir einige Bewährungsproben überstanden, die wirkliche Nähe wachsen ließen.

Wohnbereiche

24.01.2017

Mittlerweile wohnen wir schon einige Jahre zusammen. So unterschiedlich wie wir alle sind, so individuell ist jede Wohneinheit. Wenn man z.B. aus der Wohnung von Dirk und Susanne in unsere überwechselt, ist es so, als würde man vom Hinteren Orient direkt in den Bayrischen Wald landen.

Dirk und Susanne besitzen eine Vorliebe für große vergoldete Spiegel, goldene Buddhas, goldene Kerzenleuchter, goldene Wasserhähne, goldene Türschilder und Susanne passend in einem schwarz-goldenen Hauskleid mit goldenen Pantöffelchen.

Gudrun mit ihrem hellen Hals:“Wenn uns mal das Geld ausgeht, können wir notfalls Mädels engagieren und in der Wohnung von Susanne und Dirk arbeiten lassen.“

Oberstes Gebot in unserer Gemeinschaft jedoch ist, jeder wird so akzeptiert und respektiert wie er ist. In unserem Wohnbereich hingegen dominiert eindeutig das bayrische Flair. Die Möbel hat mein Mann von seinen Eltern geerbt. Sie sind zu meinen Leidwesen noch sehr gut erhalten.

In der Wohnung von Paul und Gudrun ist alles vertreten – so wie die beiden nun mal sind. Ein großer goldener Spiegel gefällt genau so gut, wie der alte Friesentisch, der billige Schuhschrank erfüllt genauso seinen Zweck, ebenso der wertvolle indische Sekretär. Irgendwie passt trotzdem alles zusammen. Gudrun würde sich am liebsten jedes Jahr neu einrichten, aber mit Paul, dem alten Geizhals, sei das nicht möglich, zumal er sich von nichts trennen kann, solange es noch funktioniert. Pauls Kommentar dazu:“Ein Glück für dich“.

An bissigen Bemerkungen schenken die beiden sich nichts. Es ist einfach nur so, dass sie keine Hemmungen haben, sich vor anderen gegenseitig verbal fertig zu machen. Trotzdem sind sie eine echte Bereicherung für unsere Wohngemeinschaft. Wenn zwischen ihnen die Frechheiten und Gemeinheiten hin und herfliegen, rücken die anderen Paare etwas enger zusammen, mit der Gewissheit, gut, dass ich mit ihr(oder ihm) verheiratet bin und nicht mit diesem Drachen oder Unhold.

Doch eine Sache im Sommer hat uns doch etwas nachdenklich gemacht, was die Beziehung der beiden zueinander angeht.

Gudrun kam von einem ihrer Einkaufsexzesse nach Hause. Sie ließ schreiend: „um Gottes Willen Paul, Paul, Paul“ alle Tüten fallen und rannte in den Innenhof. Hier lag Paul verkabelt auf einem Massagetisch. Er wurde von unserem Masseur Michael mit elektronischen Handschuhen bearbeitet. Mein Mann Wofgang, Holger und ich standen dabei und sahen zu. Gudrun ist wohl zunächst davon ausgegangen, dass ihr Mann gerade wiederbelebt wurde, dabei hatte Michael nur eine elektronische Massage bei ihm ausprobiert.

Aufgrund ihrer Schreierei sind wir zunächst alle zusammengezuckt, um gleich danach in schallendes Gelächter auszubrechen. Man sah Gudrun die etwas verlegene Erleichterung an. Paul griente nur – ach, sie liebt mich doch -sagte aber: „keine Angst Gudrun, die Bank von England bleibt dir erhalten.“

In dem toskanisch gestalteten Innenhof, in dem sich die Szene abspielte, haben wir schon so manch tollen Abend verbracht. Zufrieden stellen wir immer wieder fest, dass bei der Gestaltung dieses Hofes Holger und Lady Maren ganze Arbeit geleistet haben.

Das Ambiente, dazu das leichte Plätschern des beleuchteten Brunnens, das Gläschen Rotwein (oder zwei/drei) vermitteln einem schon nach kurzer Zeit ein südländisches Flair. Wenn unsere Geizhälse Wolfgang und Paul eine ihrer Schiffstouren unternehmen, machen wir schon mal im Spätherbst die Heizstrahler an und dann ist es – wie Susanne meint – „richtig kuschelig“ in unserem Innenhof.

Wie gesagt, die Villa gab es vorher schon, sie wurde von uns nur umgebaut. Um jedoch das harmonische Bild der Anlage zu erhalten, waren wir uns von Anfang an einig, Holger und Maren bei der Gestaltung der Außenfassade und Anlagen weitgehend freie Hand zu lassen. Somit war wenigstens gewährleistet, dass kein röhrender Hirsch oder goldener Buddha schon von vornherein stört.

Jeder hat eine Terrasse mit eigenen Wohnungseingang. Der Innenhof ist nur von jeder Wohneinheit und  vom Kaminzimmer zu erreichen. Der große Eingangsbereich, die Küche, das Kaminzimmer/Bibliothek sowie die Wohnung von Maren und Holger strahlen eine schlichte geschmackvolle Eleganz aus und passen hervorragend zum Gesamtbild der Villa.

Gudrun hat schon mal treffend festgestellt: „Hier residieren Gräfin Maren und Graf Holger und uns Banausen halten sie sich zur Unterhaltung“ – kein schlechter Vergleich.

 

Außer Gudrun und meine Wenigkeit hatte zu Anfang keiner das Laboe-Projekt so richtig ernst genommen. Alle hatten sich in ihrer Heimatstadt etwas aufgebaut, fühlten sich dort wohl. Sahen eigentlich ganz entspannt ihrem baldigen Rentendasein entgegen. Unsere Urlaube verbrachten wird jetzt ohne unsere Kinder in Laboe. Verwandte und Freunde hatten sich oftmals für ein Feriendomizil in Spanien oder Italien entschieden. Einige von uns überlegten, in naher Zukunft evtl. auch einige Monate des Jahres dort zu verbringen.

Keiner wollte etwas ändern und wenn, dann käme nur der Süden infrage. In die Toskana, genau da wollten wir hin. Aber was wollten wir wirklich? Jahrelang haben wir nur in Laboe unseren Urlaub verbracht und nicht im Süden. Wir wollten den Kontakt zu unseren Kindern und Freunden nicht zu großen Entfernungen aussetzen.

Es blieb nur der toskanische Innenhof in unserem jetzigen Domizil, den wir von Anfang an alle wollten.

Es ist tatsächlich schon einige Jahre her, dass wir wie erschlagen das erste Mal vor unserer Villa standen? Dirk hatte die Villa im Internet entdeckt, die zum Verkauf angeboten wurde. Die Villa, die im Internet abgebildet war, hatte aber in keinster Weise Ähnlichkeit mit der Behausung vor der wir nun standen.

Das Ding sah aus, als wäre es schon 100 Jahre in Vergessenheit geraten. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes platt.

Trotzdem hat uns – im Nachhinein haben es auch die größten Spötter (wie unser Paul) zugegeben – die Villa sofort in ihren Bann gezogen. Vielleicht war es das Verlorene, das Alte, das Vergessene was von der Villa ausging. Wir wollten es auf keinen Fall sein. Diese Villa sollte es auch nicht sein.

Unser Architekt Holger war zunächst auf fachmännischer Ebene mehr von dem Grundstück als von der Villa selber begeistert. Er schlug vor, alles abzureißen und einen ganz modernen Komplex zu errichten. Er machte wirklich akzeptale Vorschläge. Wenn wir jedoch zur Grundstücksbesichtigung gingen, uns die alte vergessene Villa anstarrte, wurde der moderne Komplex wieder zur Seite gedrängt.

Paul, der hier weniger Gefühl investierte, sagte mal, das Haus hat euch verhext. Das würde nichts Gutes bedeuten.

Als Holger merkte, dass er mit seiner modernen Bauweise bei uns nicht so recht weiterkam, erstellte er den Plan der Pläne. Er hatte seine Zeichnung noch nicht ganz ausgerollt, da hagelte es schon Lobeshymnen. Alles hatte er bedacht.

Im unteren Bereich hatte jedes Paar einen großzügig angelegten Wohnraum, ein Schlafzimmer sowie ein Badezimmer. Es führte eine große Treppe (mit Treppenlift) in die obere Etage. Hier gab es noch einmal zwei Räume und ein Badezimmer. Mir gefielen ganz besonders die großen Fensterbögen. Klar sagte mein Mann, die reißen auch das größte Loch in unseren Finanzierungsrahmen (wir haben unser Reihenhaus verkauft, um uns an dem Projekt beteiligen zu können).

Alle unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach. Jeder wollte bei diesem Bauvorhaben seine jahrelangen Erfahrungen einbringen. Es gab manch heiße Diskussion. Gerade in dieser Phase zeigte sich mehr als deutlich, dass wir schon alle etwas älter waren und ein ganzes Stück unbekümmerter Jugend durch schlechte Erfahrungen ersetzt wurde.

Zeitweise drohte das ganze Projekt daran zu scheitern. Jedoch es war einPunkt erreicht, wo es kein Zurück mehr gab, ohne etwas aufzugeben, was einem mittlerweile wichtig war.

Holger war nicht nur ein hervorragender Bauleiter, sondern bewies auch geschickte Verhandlungsfähigkeit beim Kauf der Villa. Da die Villa nicht unmittelbar am Strand liegt, konnte er einen akzeptablen Preis erzielen. Glücklicherweise kam hinzu, dass der damalige Besitzer die Villa geerbt hatte, im Ausland lebt, sie schon 1 Jahr erfolglos im Internet angeboten hatte jedoch dringend Geld brauchte.

Holger und Maren besaßen zum damaligen Zeitpunkt eine Penthauswohnung in Berlin, die sie kurzfristig sehr gut verkaufen konnten. Der Erlös dieser Wohnung reichte, um die Villa und das Grundstück kaufen zu können.

Hugo hat gesagt, Hugo meint, Hugo glaubt, Hugo, Hugo, Hugo. Wenn heute einer einen Satz mit „Hugo hat gesagt“ anfängt oder eine Aussage beendet mit den Worten: „Das meint Hugo auch“, bricht die ganze Gesellschaft in schallendes Gelächter aus. Damals hat uns genau dieser Hugo an den Rand des Wahnsinns gebracht.

Dirk hat einen Schwager der Hugo heißt und als Polier auf einer Großbaustelle in Hamburg gearbeitet hat. Wir haben Hugo nie gesehen, aber immer wenn es darum ging, irgendeine bauliche Veränderung vorzunehmen, wurde von Dirk dieser Hugo zitiert.

Wenn unser Bauleiter und zukünftige Mitbewohner Holger uns seine Vorstellungen darlegte, hatte dieser uns völlig unbekannte Hugo lt. Dirk eine bessere Idee. Mittlerweile hasste jeder diesen Hugo. Wir Frauen machten ihn dafür verantwortlich, dass sich Dirk und Holger immer wieder derbe in die Haare kriegten.

Sehr viel später auf einem unserer Sommerfeste, lernten wir Hugo endlich persönlich kennen. Einen kleinen, pummeligen sehr sympatischen Polier mit einem schelmischen Lachen, der einen Witz nach dem anderen erzählen konnte und von allen gemocht wurde (auch von Holger).

Eines sei zu dieser Wohngemeinschaft bemerkt: Es könnte nicht funktionieren, wenn wir Frauen uns nicht versehen würden.

Gudrun und ich gehören eher zu den barockeren Typen. Gudrun hat sich, wie sie selbst so schön sagt, schon in jungen Jahren von ihrem Straßenköterblond verabschiedet und ist zum gesträhnten goldblond übergegangen. Sie trägt eine pfiffige fransige Kurzhaarfrisur, die ihre großen dunkelbraunen Augen voll zur Geltung bringen. Auf ihre Grübchen könnte man fast neidisch sein. Kein Mensch achtet auf die vielen kleinen feinen Fältchen um die Augen, alles starrt nur auf diese verdammt jugendlichen Grübchen.

Ich hatte immer goldblonde Haare, zugegebenermaßen auch reichlich davon. Obwohl schon sehr viel Grau mitspielt, versuche ich die Haarfarbe zu halten. Hier hört die Emanzipation auf. Für meinen Mann Wolfgang ist es wichtig, dass seine Frau die Mähne behält. Meine Argumente, das ich manchmal wie eine bayrische Landpomeranze oder wie eine Alt68iger aussehe, die die Neuzeit verpasst hat, läßt er nicht gelten.

Beide mit einem etwas derben Humor ausgestattet, verstehen Gudrun und ich uns besonders gut. Unsere Denkweise gehört jedoch in die Kategorie, das Glas ist nicht halb leer sondern halb voll.

Susanne, die mit Dirk verheiratet ist und Maren, die Ehefrau von Holger, sind wie man so schön sagt, ganz ganz Liebe.

Susanne ist zwar schon über 60, aber irgendwo immer noch Mädchen geblieben. Vielleicht ist es etwas daneben, dass sie ihre blond/grauen Haare immer noch sehr lang und offen trägt. Sie hat zwar sehr feine Haare, aber auch ihr Mann mag am liebsten lange Haare und wenn es nur drei sind.

Sie macht überhaupt sehr viel um ihrem Dirk zu gefallen. Um ihre Topfigur zu halten meidet sie strikt Sahnetorten oder sonstige figurvernichtenden Genüsse. Manchmal ist es schon faszinierend wie sie immer noch ihren Dirk anhimmelt und am lautesten über seine Witze lacht. Dirk genießt es sichtlich, schon über Jahre so einen treuen Fan zu haben. Er dankt es ihr mit kleinen Geschenken und spontanen liebevollen Umarmungen. Zugegeben, auf diese liebevolle Zuneigung, die Dirk seiner Susanne so offen entgegenbringt, sind Gudrun und ich so manches Mal eifersüchtig. Wenn wir das bei unseren Männern Paul und Wolfgang einfordern, müssen wir uns mit dem Kommentar: „Ach das auch noch“ oder „Man werd bloß nicht anstrengend“ auseinandersetzen.

Sie wundern sich sicherlich, dass ich so offen über unsere Mitbewohner und Freunde berichte. Ich habe vorher ihr OK eingeholt. Wie allen klar sein dürfte, hat jeder so seine Macken. Wenn sie jedoch liebevoll geschildert werden und das Positive auch zu Worte kommt bestehen keine Einwände oder?

 

Pünktlich um 7 Uhr übernimmt Änne das Haus. Rein äußerlich entspricht sie nicht dem Klischee einer Haushälterin, die alles unter Kontrolle hat. Sie hatte vorher in einem Lokal in Laboe in der Küche gearbeitet. Es sprach zunächst nichts dafür, selbständig so ein Haus wie das unsere zu führen. Mit unserer Hilfe hat sie alles gelernt. Sie ist jetzt fast perfekt.

Nach einem gelungenen Geburtstagsessen für Dirk stand dieser leicht bis mittelschwer angetrunken vor unserem großen Esstisch, das Glas Rotwein zuprostend in der Hand: „Meine liebste Änne, Haushälterin ist out, du kannst dich jetzt offiziell Geschäftsführerin nennen. Solltest Du mal den Wunsch verspüren, diese gastliche Stätte zu verlassen, werde ich dir höchstpersönlich das beste Zeugnis ausstellen.“

Wir schauten Dirk etwas verärgert an, auf was für Ideen bringt er unsere Änne da. Änne strahlte ihn an und erwiderte platt: „Nee, ich bleibe bis zum Schluss.“ Na ja, bis zum Schluss war mehr als deutlich.

Unser sensibler Dirk schaute Änne etwas nachdenklich an und musste jetzt mindestens zwei Gläser mehr trinken, um den seligen Zustand von vorher zu erreichen.

Trotzdem ist diese von Dirk ausgesprochene Beförderung zur Geschäftsführerin nicht spurlos an Änne vorübergegangen.  Als einige Tage später ein Aushilfsbriefträger ein für Maren bestimmtes Päckchen ablieferte und Änne, die es in Empfang nehmen wollte fragte: „Wer sind Sie denn?“ war ein deutliches „die Geschäftsführerin“ zu vernehmen. Frech grinsend musterte der Jüngling Änne von oben bis unten, händigte ihr das Päckchen mit den Worten „Ach nee“ aus und schlenderte pfeifend davon.

Ich hatte die Szene vom Garten aus beobachtet. Mir entging nicht, das Änne daraufhin an sich selber herunter schaute. Was sie sah war weit entfernt von einem respektablem Outfit. Der rosa Kittel mit den vielen Taschen war sicherlich praktisch, die gelbe Jogginghose bestimmt bequem und die selbstgestrickten Socken, wie ich selber wusste, von bester Qualität. Alles zusammen eine modische Katastrophe.

Abends ergab es sich, dass ich mit meinem Mann Wolfgang und Paul dem Mann von Gudrun im Wintergarten saß und ihnen die Postbotenszene schilderte. Sie blieben, wie ich hätte erwarten können, völlig unbeeindruckt. Ihr Kommentar: „Na und, ist es wichtig was der Postbote von Änne denkt? Hat Änne jetzt Depressionen weil sie die falsche Hose an hatte und der Kittel auch nicht dazu passte?“ Diese Kommentierung wurde mit einem lauten Gelächter der beiden untermalt.

Außerdem hätten sie kein Interesse an einer Barbiepuppe, die kochen kann. Sie in ihrem Alter wollten sich beim Essen entspannen. Sie wollten nur noch das Essen genießen, alles andere käme zu spät, ha, ha, Änne sei o.k. so wie sie ist. Wir sollten mal schön die Finger von ihr lassen und sie nicht versauen. Nachher könnten sie für die aufgemotzte Änne noch eine besorgen, die kocht und putzt. Ha, ha, ha“

Diese Machos. Sie jetzt noch für die Idee zu begeistern, Änne einmal mit auf eine Einkaufstour nach Kiel mitzunehmen, würde bei den beiden Geizhälsen nur noch in einen Vortrag „wie man mit dem sauer verdienten Geld herumast“ nach sich ziehen. Darauf konnte ich verzichten.

Als ich morgens Gudrun davon erzählte, sagte sie ganz spontan: „Ach, die beiden kannste vergessen, wir werden mal eine Typberatung bei Änne vornehmen und damit anfangen, dass wir ihr was Hübsches aus Kiel mitbringen.“ Dabei blieb es. Die einzige, die mal was Hübsches aus Kiel für Änne mitbrachte war Maren, die Frau von Holger.

Die zarten Grüntöne der Mütze und des Schals passten hervorragend zu Ännes roter Lockenpracht. Sie umarmte Maren und war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen. Gudrun und ich waren auch gerührt, aber etwas unangenehm.

 

 

Änne

20.01.2017

Wie bereits erwähnt, haben wir gemeinsam eine große Küche, die von unserer Perle Änne geleitet wird.

Ich kann mich noch gut an das Vorstellungsgespräch erinnern. Uns Frauen wurde es überlassen, unsere zukünftige Haushälterin auszusuchen. An dem Tag war es sehr heiß. Susanne, Gudrun, Maren und ich saßen morgens ganz entspannt in unserem Kaminzimmer/Bibliothek und erwarteten Frau Änne Hansen. Änne, eine kleine drahtige 35jährige mit vielen rotblonden Locken, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, kam nicht allein.

Im Schlepptau hatte sie ihren Mann Freddy und ihre 4jährige Tochter Paulina.

Paul behauptet noch heute, dass wir Änne nur eingestellt haben, weil wir Angst vor Freddy gehabt hätten. Na ja, mit seinen zwei Metern, der großen Nase, den buschigen Augenbrauen sowie den riesigen Händen hätte er mühelos einen Job als neuer „Beißer“ im nächsten Bondfilm bekommen können.

Doch uns Frauen hat etwas anderes überzeugt. Wir saßen wie die Grazien in unseren cremefarbenen Ledersofas und staunten nicht schlecht über dieses Dreigespann.

Bevor wir die erste Frage stellen konnten, pirschte Änne auf unsere Jalousien los und fragte, ob sie die herunterlassen dürfte, da es auf Dauer angenehmer sei, wenn bei dem heißen Wetter die Jalousien unten sind, die Sofas würden dann auch nicht so schnell ausbleichen. Aber ja doch, wo waren wir nur mit unseren Gedanken.

Freddy sah man an, dass ihm Ännes Vorgehen etwas peinlich war. Er sagte etwas verlegen in seinem Holsteiner Platt:“Änne, bliev doch ers mal sitten“ Klein Paulina (Gott sei Dank sieht sie ihrer Mutter ähnlich) saß auf seinem Schoß. Dieser Klotz kraulte ganz zärtlich ihren Nacken.

Änne ließ die Jalousien herunter setzte sich wieder hin und strahlte uns an. Wir stellten sofort die ganze Familie ein. Freddy ist zwar hauptberuflich Fischer, wenn jedoch größere Dinge im Haus oder Garten zu erledigen sind, ist er immer zur Stelle.

An Ännes Koch- und Wirtschaftskünsten ist nichts auszusetzen. Allerdings verfügt sie über eine platte direkte Art. Man kann sicher sein, dass, was sie sagt, auch so meint. Bevor es einer wagen könnte, beim Sauwetter mit verdreckten Schuhen ins Haus zu kommen, schreit sie schon vorher laut: „Schuhe aus“. Dabei ist es ihr egal, wer vor der Tür steht.