Wenn man sich so lange kennt, wie wir, sollte man im Laufe der Zeit ein feines Gespür für die Empfindlichkeiten des anderen entwickelt haben. Natürlich kommt es schon mal vor, dass man in das bekannte Fettnäpfchen tritt, manche jedoch fallen direkt in den Fett-„Eimer“. So zum Beispiel immer wieder unser lieber Paul, der Mann von Gudrun. Er hat es immer noch nicht kapiert, dass Dirk, der Angetraute von Susanne, ein empfindsamer Mensch ist, der wenig Verständnis für die Lachsalven von Paul aufbringt, die sicherlich meistens ansteckend sind aber auch nicht selten mehr als unpassend.

So wie Paul es versteht, in gemütlicher Runde einen Witz nach dem anderen zum besten zu geben, so wird Dirk oftmals nach einigen Gläsern Rotwein melancholisch. Da kann es schon mal vorkommen, das Paul den Zeitpunkt verpasst und vor Lachen losbrüllt, obwohl der Moment alles andere als witzig ist.

Dirk hatte Geburtstag. Nach einem fürstlichen Mal saßen wir alle hübsch beieinander in unserem toskanischen Innenhof. Da es abends schon etwas frisch war, sorgten die Heizstrahler (von Maren und Holger gesponsert) für eine angenehme Wärme. Wir hatten´s, wie Gudrun jedes mal zu sagen pflegt „saugemütlich.“

Ohne dass unser Paul es mitbekam, hatte unser Geburtstagskind Dirk seinen Alkoholpegel mittlerweile wieder auf die melancholische Phase gebracht und wollte sich bei uns mit einem „Gebet eines älter werdenden Menschen“, das der heiligen Theresa von Avila (1515-1582) zugeschrieben wird, für seine Geburtstagsgeschenke bedanken. (Nur mal so am Rande. Das war zunächst für alle etwas befremdlich „der Mann war bei der Bundeswehr!!!)

Auszug aus dem Gebet:

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter werde und eines Tages alt.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheit anderer erledigen zu müssen.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheiten erscheint es mir schade, sie nicht weiterzugeben, aber du  verstehst ,oh Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden, sie nehmen zu und die Lust,sie zu beschreiben,wächst von Jahr zu Jahr usw. usw.

zugegebenermaßen schöne Worte, jedoch schon bei den Worten von Dirk „Ich möchte mich bei euch mit einem Gebet bedanken“ und „Oh, Herr,du weißt besser, dass ich von Tag zu Tag älter werde und eines Tages alt“, prustete Paul los und konnte sich kaum beruhigen. Normalerweise zog Dirk bei solchen Gelegenheiten beleidigt ab. Es dauert dann meistens zwei bis drei Tage, bis wir Frauen ihn wieder mit unserer Hobbypsychologie davon überzeugen konnten, dass unser Paul eigentlich ein ganz lieber Kerl ist und mit seinen Lachsalven nur seine Ängste wahre Gefühle zu zeigen überspiele. Zudem sei er ein Kulturbanause, den man nicht so ernst nehmen sollte.

An dem Abend jedoch trug Dirk das Gebet unbeeindruckt vor. Unser Kulturbanause Paul verzog sich nach einiger Zeit, als er merkte, dass sein Lachen diesmal nicht so ansteckend war. Uns fiel auf, dass nach diesem Abend Pauls ungezügelte Temperamentsausbrüche seltener wurden, sobald Dirk etwas zum besten gab. Das Gebet hatte also zumindest Paul schon erreicht.

 

Unser Holger ist vielleicht nicht unbedingt der Mensch, den man auf Anhieb in sein Herz schließt. Ganz anders sieht es aber mit seinen gläsernen Fensterbildern aus. Er geht zwar sehr selbstkritisch mit seinen Werken um, aber wehe irgendein Banause !!! der keine Ahnung hat !!! gibt hier ein kritisches Urteil ab. Das kann unser Holger überhaupt nicht vertragen.

Er hatte bisher erfolgreiche Ausstellungen und kann von Glück reden, dass er mit Maren verheiratet ist, ansonsten wäre schon so manche Ausstellung kurzfristig von Holger geschmissen worden. Vor der letzten Ausstellung in Kiel hatte der Veranstalter nur gefragt: „Wo wollen sie die Dinger denn hinhängen?“ „Die Dinger!!!“ schrie der etwas gestresste Holger. Der Mann schreckte erschrocken zusammen. Maren eilte herbei und teilte beschwichtigend mit, dass ihr Mann etwas gestresst sei, sie aber während der ganzen Ausstellung auch da sei. Holger setzte sich auf eine noch nicht ausgepackte Kiste und brummelte vor sich hin „dass man von Glück reden könne, dass er seine Wärterin geheiratet habe.“ Der Veranstalter war offensichtlich einiges gewohnt, sah Maren mit einem mitleidigen Blick an und sagte nur: „Na dann viel Erfolg und wenn etwas ist, wende ich mich an Sie, meine Liebe.“

Paul und Dirk hatten sich bereit erklärt, Holger beim Aufbau behilflich zu sein. Sie hatten die ganze Szene mitbekommen und schauten belustigt hinter dem Veranstalter her, der mit einem gekonnten Hüftschwung und einer gestelzten Gangart die Ausstellungsräume verließ. Paul grinste Holger an und sagte:

„Mensch der Schwulihuber der gerade hier seinen Auftritt hatte, könnte doch Deine Bilder vorstellen, der hat das voll drauf.“ Mit wiegenden Hüften und großartig gestikulierend schritt Paul an der Bildergalerie vorbei und verkündete: „Mein Damen und Herren, diese „Dinger„(Glasbilder) entstehen in althergebrachter Handarbeit. Modernes farbiges Glas in Verbindung mit Bleiprofilen ergibt eine einzigartige Farbbrillanz. Man kann die warme !!! positive Ausstrahlung und Lebendigkeit in den Bildern bei verschiedenen Lichtverhältnissen fühlen.“

Paul bewies schauspielerisches Talent und die Stimmung war wieder gerettet, sogar Holgers brummige Miene hellte sich wieder auf.

Eine wahre Augenweide ist das 1,50 x 2,00 m große Fensterbild in unserem Kaminzimmer. Es zeigt eine toskanische Landschaft. Leider gewöhnt man sich sehr schnell an schöne Dinge und die Faszination lässt nach.

Als mein Mann Wolfgang jedoch einmal mit einem verstauchten Knöchel darauf angewiesen war, dass Änne und die anderen Mitglieder unserer Wohngemeinschaft ihn mitversorgten (ich war mit Gudrun und Maren in Italien), lag er im Kaminzimmer mit Blick auf das große Fensterbild von Holger, welches er jetzt von morgens bis abends vor Augen hatte.

In einem Telefonat schwärmte er mir von diesem einmaligen Bild vor, als hinge es erst seit gestern in unserem Fenster. Es erreichte ihn sogar das Gefühl einer leichten Zuneigung für Holger. Die sich in dem Satz ausdrückte: „Einer der solche Bilder erstellt, kann eigentlich kein Ar…sein oder was meinst du dazu Spatzel?“

Ja, was sollte ich dazu sagen. Als ich das Gudrun und Maren erzählte, sind die in schallendes Gelächter ausgebrochen. Gudrun konnte es sich natürlich nicht verkneifen und setzte noch prustend eins darauf: „Wenn er mal wieder eine leichte Abneigung gegen Holger verspürt, brechen wir ihm einfach ein Bein und sperren ihn im Kaminzimmer ein.“ (die Frau muss immer übertreiben)

Was solls, ab und zu gönnen wir uns eben auch einige fiese Bemerkungen. Von Gudrun kommt auch der Spruch: „Wenn alle anderen Muskeln langsam erschlaffen, sollte man die Lachmuskeln mehr um Einsatz bringen um die Dinge wieder zu kompensieren.“

Zugegebenermaßen sind unsere männlichen Lieblinge nun mal pflegeleichter als Frauen. Das leuchtende Beispiel hierfür ist für mich immer wieder das Begrüßungssezenario auf einem Parkplatz in Münster. Ich fuhr meinen Mann Wolfgang zu seinem Klassentreffen. Teilweise hatten sich die nunmehr älteren Herren über 40 Jahre nicht gesehen und doch gab es einige, die sich auf Anhieb erkannten. Doch wie begrüßten sie sich, ich war fassungslos: „Hallo Wölfi, du alter Sack, man bist du alt geworden.“ „Berni? Berni Upphaus? Mensch Berni du siehst aber scheiße aus, ha, ha ha.“ Sie fielen sich dabei lachend in die Arme.

Im Gegensatz dazu stelle ich mir ein Klassentreffen unter Frauen nach 40 Jahren vor. Kaum vorstellbar, dass ich irgendeiner Ex-Mitschülerin nach 40 Jahren in die Arme fallen und ihr in ungezwungener Heiterkeit mitteilen kann: „Du siehst echt Scheiße aus“. Wir bevorzugen in unserer Wohngemeinschaft natürlich einen gepflegteren Umgangston. Jedoch ist festzustellen, dass unsere männlichen Mitglieder zeitweise miteinander ruppiger umgehen, was zugegebenermaßen auch so manches Mal für heitere Ausbrüche sorgt.

Unsere Maren, die Frau von Holger, ist eine kleine zarte Person mit halblangen Haaren, die sie in allen Rottönen dezent gesträhnt trägt. Sie hat keine „Revolverschnauze“ wie Gudrun und ich. Sie ist eine tolerante liebevolle Frau. Gibt es mal Meinungsverschiedenheiten, ist es fast immer unsere besonnene Maren, die die Dinge wieder gerade biegt. Nicht nur bei unseren Kindern, sondern auch unter uns ist sie es, die von allen, ob Männchen oder Weibchen, gleichermaßen akzeptiert und respektiert wird.

Als ich meinen Mann Wolfgang einmal daraufhin ansprach, stellte er nur nüchtern fest, dass Maren jahrelang an ihrem Mann Holger hätte üben können, wie man mit den verschiedensten Charakteren umgeht. Er besitze eine multiple Persönlichkeit, die teilweise schon vom Wahnsinn umzingelt sei, ob mir das noch nicht aufgefallen sei.

Ganz eindeutig sprach aus dieser fiesen Bemerkung eine ganze Portion Missgunst. Wahrscheinlich hatte ich zu oft gesagt, dass Holger mit seinem unerschöpflichen Wissen ein faszinierender Gesprächspartner sei. Holger hat schon extreme Züge. Wenn er es vorhat, versteht er es, mit gut gezielten Sätzen jemanden verbal in die Enge zu treiben. Bei ihm bedeutet Meinungsaustausch „Du kommst mit deiner Meinung und gehst mit meiner.“

Er scheut sich auch nicht, die Ding auf den Punkt zu bringen. Wo andere noch versuchen, alles schön zu verpacken, liebt er die direkte Konfrontation. Bei ihm hat der Wunsch „Mir ist es lieber, dass man  mir die Wahrheit direkt ins Gesicht sagt“, noch Bedeutung, Holger hat damit keine Probleme.

Wird es ihm aber mal mit gleicher Münze zurückgezahlt, ist er weniger empfänglich. Im Gegenzug kann er sich aber auch entschuldigen, wenn er mal zu weit gegangen ist.

Er ist ein Powermensch, der immer wieder mit neuen Ideen und Ansichten konfrontiert. Dadurch wird er für den gemütlichen Rest der Wohngemeinschaft teilweise etwas anstrengend.

Bei unseren Kindern und Enkelkindern ist er allerdings der King. Hier zeigt der Mann ein erstaunliches Einfühlungsvermögen und bekommt mit seiner klaren direkten durchaus wohlwollenden Art viel Zuneigung.

Eifersüchteleien bleiben da natürlich nicht aus. Unser Sohn Friedrich liebt es, mit Holger über alles Mögliche zu diskutieren. Da er uns nicht so häufig besucht, kann es schon mal vorkommen, dass er mehr Zeit mit Nachbar Holger verbringt, als mit uns. Meinem Mann Wolfgang passt das natürlich nicht. Da er nicht über die direkte Art von Holger verfügt,  kann er unserem Sohn Friedrich sein Missfallen nur so zeigen, in dem er ganz demonstrativ die Tageszeitung liest, einschließlich aller Werbeeinlagen, sobald Friedrich sich wieder bei uns einfindet. Ich hab es aufgegeben ihn darauf anzusprechen.

Unser Sohn Max mag Holger auch jedoch geht er ganz sensibel oder auch unsensibel?? damit um.

Max sein Vater und Holger hatten sich wegen irgendeiner Sache einen Abend vorher im gemeinsamen Kaminzimmer ein heftiges Wortgefecht geliefert, das offensichtlich unentschieden ausging.

Am nächsten Morgen saß mein Mann immer noch mit einem mürrischen Gesichtsausdruck in unserer Wohnung am Frühstückstisch und wollte zu meinem Entsetzen noch einmal die Diskussion vom Vorabend aufleben lassen. Unser Sohn Max hatte sich mal wieder für einige Zeit bei uns eingenistet und kam pfeifend die Treppe herunter, rollte die Zeitung zusammen, knallte meinem Mann diese leicht auf den Kopf und sagte ganz unverfänglich: „Na Paps, ich habe gerade Holger gesehen, wie der Richtung Strand joggt, sollen wir mal kurz hinterher und ihm was vor die Fresse hauen?“

Ich war entsetzt, meine beiden Männer jedoch lachten lauthals, die vorabendliche Diskussion spielte keine Rolle mehr, was soll das Gequatsche, schlagende Verbindungen sollte man ruhig beim Wort nehmen und nicht so sehr die studentische Korporation darin sehen. Sie waren bester Laune bei dem Gedanken unseren lieben Holger einmal kräftig versohlen zu dürfen. Wie schön, wenn Vater und Sohn sich so gut verstehen.

Als Holger nass geschwitzt von seiner Joggingtour wieder eintraf und meine beiden Männer in dem Moment zufällig aus unserer Haustür nach draußen traten, klopften sie ihm freundschaftlich grinsend auf die Schulter. Sie empfahlen ihm, sich schnell zu duschen und trockene Sachen anzuziehen, damit er sich nicht erkältet.

Mir fiel auf, dass auch Holger mit Befremden auf diese übertriebene Fürsorge reagierte, etwas außer Atem nickte er nur. Als er weiterging, drehte er sich aber – wie mir schien – vorsichtshalber noch einmal um und schaute irritiert hinter den beiden her.

Männer!!!

 

Heute stellte ich Ihnen Gudrun und Paul vor.

Es ist schon erstaunlich, wie anspruchsvoll oder anspruchslos manche sind. Paul zum Beispiel, dem war es von Anfang an piepegal, ob die Fliesen in seinem Wohnbereich bahamagelb oder tizianrot sein sollen. „Er wäre am liebsten schon mit 35 dem Verein beigetreten“, so seine Frau Gudrun, „Hauptsache er hat immer seine Unterhaltung und es kommt ihm keiner mit Vater- und Ehepflichten.“ Paul, seine Frau Gudrun und ihre beiden hyperaktiven Kinder Timo und Beate wären eigentlich schon in jungen Jahren mit betreutem Wohnen bestens aufgehoben gewesen.

Gudrun war von dem Projekt Wohngemeinschaft sofort begeistert. Mit ihrem Hang zur Übertreibung: „Oh, toll eine alte Villa, da sind natürlich Mamorfußböden, Stuckarbeiten einschließlich Masseur mit einem Knackarsch Pflicht, ha, ha, ha“

Pauls Kommentar dazu: „Will jetzt noch einer behaupten, die Frau ist nicht durchgeknallt.“ Gut, etwas durchgeknallt ist sie. Das ist gerade das liebenswerte an ihr. Man kann sich mit ihr stundenlang unterhalten, kommt zwar zu keinem Ergebnis, fühlt sich aber trotzdem besser als vorher. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das macht. Sie hat zwar oftmals eine große Klappe, so nach dem Motto: „Juckt mich nicht, die Blagen sollen zusehen wie sie fertig werden. Aber wenn was mit ihren Blagen ist, kann man gar nicht so schnell gucken wie Madam Richtung alte Heimat fährt um die Dinge vor Ort zu regeln. Warum Paul seine Frau ab und zu „Schneckchen“ nennt, bleibt deren nicht nachvollziehbares Geheimnis. Sie nennt ihn ab und zu „Stinker“. Einen unangenehmen Geruch konnte ich jedoch bei unserem Paul noch nie feststellen. Stinker und Schneckchen haben im Gegensatz zur restlichen Truppe keine Hemmungen sich auch vor uns verbal fertig zu machen. Da die beiden schon etliche Jahre verheiratet sind, zwei nicht gerade einfache Kinder großgezogen haben und sich insgesamt auch noch an 6 Enkeln erfreuen können sehen wir bei den beiden diese Dinge sehr gelassen.

Gudrun, genau wie ich, gehören zu den barocken Typen. Schon in jungen Jahren hat sie sich von ihrem Straßenköterblond (ihre Worte) verabschiedet und ist zum gesträhnten goldblond übergegangen. Sie trägt eine pfiffige, fransige Kurzhaarfrisur, die ihre großen dunkelbraunen Augen voll zur Geltung bringen. Auf ihre Grübchen könnte man fast neidisch sein. Kein Mensch achtet auf die vielen kleinen Fältchen um die Augen, alles starrt nur auf diese verdammt jugendlichen Grübchen.

Paul „der Versicherungsvertreter“ – so nennt mein Mann ihn wenn Paul irgendwas gemacht hat, was ihm nicht passt – hatte eine eigene Versicherungsagentur. Die hat jetzt sein Sohn Timo übernommen. Genau so wie das ehemalige Haus der Eltern. Gudrun und Paul sagen, wenn sie heute ihren Sohn Timo, seine Frau Astrid und ihre 4 Enkelkinder in ihrem ehemaligen Haus besuchen, hätten sie jedes Mal die Bestätigung, dass sie alles richtig gemacht haben. Sie seien immer wieder froh wenn sie nach einem Wochenende aus diesem sehr lebhaften Haus Richtung Laboe düsen können und wieder zuhause sind.

Paul ist derjenige, der eigentlich nie schlechte Laune hat. Ab und zu plagen ihn zwar seine Gichtanfälle. Seinen Fleischkonsum stellt er dann zum Leidwesen von Gudrun trotzdem nicht ein. Wozu gibt es Kühlmanschetten und Tabletten. Paul ist der Liebling unserer Änne. Er ist immer voll begeistert von ihren Kochkünsten und tanzt auch schon mal mit ihr durch die Küche wenn es ihm besonders gut geschmeckt hat und er keinen Gichtanfall hat.

Eine typische Geschichte über Paul, die Gudrun mal erzählte:

Der (Paul) hat damals seiner Sekretärin zu Weihnachten immer eine Kiste mit 6 Flaschen Wein geschenkt. Sie habe ihm gesagt, er solle seiner Sekretärin doch mal ein gutes Parfum kaufen. Er sagt der Sekretärin, sie würde immer so gut riechen, sie könne doch sicherlich ein edles Parfum besorgen, dass bräuchte er für eine gute Kundin, die ihm wichtig sei. Dann läßt er das Parfum auch noch von seiner Sekretärin einpacken und dann schenkt er ihr das und sagt „Frohes Fest“. Mir hat das gefallen und ich habe gelacht. Gudrun fand es unsensibel.

Paul und mein Mann verstehen sich pima. Das sah anfangs nicht so gut aus. Doch heute gehen „der Landarzt“  und „der Versicherungsvertreter“ gemeinsam angeln oder machen lange Spaziergänge mit unseren Hunden. Ab und zu ist dann auch so ein kleiner Ausflug zur Dorfkneipe fällig. Dann verstehen sie sich besonders gut. Oder wenn es um irgendwelche Sparmaßnahmen geht. Da sind die beiden Geizhälse sich immer einig.

 

 

Liebe Leser. Gerne würde ich einige Bilder unserer Wohngemeinschaft zum Besten geben. Aber leider sind die anderen damit nicht einverstanden. Na ja, ist auch verständlich. Daher kann ich auch offener schreiben und mir einige Frechheiten mehr erlauben.

Heute möchte ich Ihnen Susanne und Dirk vorstellen.

Er ist mit seinen vollen grauschwarzen Haaren, durchtrainierten Körper immer noch ein attraktiver Mann. Sie, ganz das dazu passende anschmiegsame Frauchen mit gut erhaltenen Puppengesichtchen. Ohne Sport, nur mit strenger Diät hält sie ihre tolle Figur. Ihr sehr feinen blonden Haare reichen ihr fast bis zur Taille. Das sah in jungen Jahren prima aus, jetzt allerdings hat es etwas von (Sorry Susanne) „hinten Lyzeum, vorne etwas Museum“.

Ihr Mann teilt die Vorliebe vieler Männer. Hauptsache lange Haare auch wenn es nur drei sind. Sie macht alles um ihm zu gefallen – es funktioniert – sie kommt mit der Tour echt gut an. Sollt es mal vorkommen, dass wir alle in trauter Gemeinsamkeit ein Strandlokal aufsuchen, findet sich schnell einer unserer männlichen Mitbewohner der für Susanne einen Stuhl organisiert. Ich muss mir immer selber einen besorgen. Man kann nicht alles haben. Wenn es dann im Gespräch um entscheidende Dinge geht, hält sie sich zurück, da ihr Männe das Kommando hat.

Dirk war Berufssoldat. Was mich regelmäßig auf die Palme bringt, sind seine langatmigen Belehrungen. Gudrun meint dann nur: „Sei froh, dass wir nicht jeden Morgen hier zum Appell antreten müssen, so dass nur Susanne seine Befehle befolgen muss. Außerdem sei es so, dass er sich für Alkohol genau so begeistern kann wie für seine Frau.

Sie merken schon – blanker Neid. Dirk ist wirklich kein mieser Typ. Im Gegenteil trotz „harter Bundeswehrzeit“ ist er der einzige unserer männlichen Mitbewohner, der es fertig bringt „ganz ohne Scheu“ allen zu zeigen, wie sehr er seine Frau liebt. Das gleiche gilt für Susanne.

Wenn Gudrun und ich mal bei Susanne anfragen, ob sie sich nie streiten sagt sie nur: „Ach, wir streiten uns auch, ihr müsst nur etwas lieber zu euren Männern sein“ – Na, was soll ich denn davon halten?

Aber was soll man machen, wenn einem seine „Revolverschnauze“ immer wieder einen Streich spielt. Bin ich mal etwas passiver oder einfach nur still, ernte ich schon gleich einen besorgten Blick meines Mannes.  Wer will schon, dass der Partner sich Sorgen macht.

Susanne bekommt von ihrem Mann regelmäßig kleine liebevolle Geschenke. Das ist dann immer der Zeitpunkt, wo ich die Hasskappe kriege. Mein Mann glaubt nämlich, dass man Geschenke nur dann kauft, wenn man eingeladen wird und es dann dafür im Gegenzug richtig was auf die Gabel gibt.

Dirk und Susanne hatten ein großes Haus. Oben wohnten sie mit ihren beiden Kindern Jörn und Silke. In der Mitte wohnte Muttilein und unten Omilein mit Opilein. Das „lein“ wurde tatsächlich so gesagt. Opi ist friedlich eingeschlafen und Mutti hat sich dann jahrelange liebevoll um ihre Mutti gekümmert bis sie selber ein Pflegefall wurde und Schwiegertochter Susanne sich kümmern musste. Dirk hat sehr an seiner Omi und seiner Mutter gehangen. Es war trotz Pflegeaufkommen immer ein herzliches Verhältnis. Wie und wann er konnte war er da. Es wäre für ihn und seine Frau nie infrage gekommen seine Oma oder Mutter in ein Pflegeheim unterzubringen. Als seine Mutter zum Pflegefall wurde hatte er seine Vorliebe für den Alkohol vertieft.

Paul sagte mal, dass die Kinder von Dirk und Susanne ihre Eltern fast in die Wohngemeinschaft geprügelt hätten. Keiner der Kinder war so froh, dass ihre Eltern sich für diese Wohngemeinschaft entschlossen haben wie die Kinder von den beiden. Dirk und Susanne sind Eltern, die mit ihrer Fürsorge die Kinder bis ins Erwachsenenalter fast erdrückt hätten. Susanne ruft noch heute jeden Tag ihre Tochter an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

Heute ist „unsere Wohngemeinschaft“ eine beliebte Anlaufstelle für unsere Kinder und Enkelkinder. So manches „Beziehungsdrama“ unserer Kinder wird hier mit ihnen von allen Seiten beleuchtet und ab und zu sogar gelöst.

Liebe Leser, ich  möchte mich heute mal ganz herzlich für die große Resonanz meines Blogs bedanken. Da ich keine persönlichen Bilder von unserer Wohngemeinschaft ins Netz stellen darf, werde ich Sie mit netten Kinder- Hunden- und Katzenbildern beglücken. Sind eh viel niedlicher als wir!!!

„Jaaaa, wieder einen Abonnenten mehr“ war bis jetzt mein Begeisterungsausruf nach dem morgentlichen Frühstück mit meinem Mann. Jetzt macht er das und veräppelt mich mit seinem Ausruf „Jaaa, wieder einer“

Sobald ich meinen Laptop geöffnet habe kommt von ihm dieser missmutige Ausruf. Zudem möchte er lieber mit mir in trauter Zweisamkeit frühstücken und nicht mit Gudrun und Paul, die morgens mit Änne in der großen Küche im Haupthaus frühstücken. Morgens könne er das Geschnatter von mir, Änne und Gudrun noch nicht am Kopp haben. Er wollte auch nicht wissen, was ich alles bei Facebook zum besten gebe. Er ist eben ein typischer Morgenmuffel. Manchmal habe ich aber auch die Faxen dicke, dass er sich mit mir nicht über die große Resonanz zum Blog „Wohngemeinschaften im Alter“ freuen kann. Mein Kommentar: „Keine Angst, es wird dich in Laboe schon keiner anquatschen und fragen: „Sind sie der Ar… der ihrer Frau keine Blumen zum Vallentinstag gescheckt hat.“

So, das sei auch mal gesagt !!!

Na ja, auch Gudrun, Maren und Susanne meinen, dass es was für sich hat, dass die Herren unserer Wohngemeinschaft null Interesse an Facebook hätten.

Immer Friede, Freude, Eierkuchen ist bei uns auch nicht. Daher ist es mehr als wichtig, dass wir uns ab und zu mal aus dem Wege gehen können. Sie liebe Leser wollen auch kein Gemecker oder Gejammer lesen. Wie Sie selber wissen,  gibt es viele schöne und lustige Dinge an die man sich bis ins hohe Alter gerne erinnert.

Vor Jahren hatte ich mein erstes Buch in den Händen. Ich hatte das Cover selber gemalt, kannte einen Germanistikstudenten der es lektoriert hat (der hatte genau so wenig Ahnung von Zeichensetzung und Rechtschreibung wie ich) meine Schwester kannte jemanden der das für 2,90 Euro gedruckt hat. Für 3,50 Euro ging es an die Buchhandlung, die Post, Hafen-Shop und in Barbaras Schatzkästchen und wurde dann für 5,60 Euro verkauft.

Damals zeigte sogar mein Mann noch Begeisterung und war stolz auf seine Frau. Wir hatten uns überlegt, dass sich die Bücher am besten verkaufen ließen in einer bunten Kiste mit einem aus Sperrholz großen schielenden Leuchtturm. Mein Mann war derjenige, der die meisten Leuchttürme mit der Laubsäge aussägte. Maren und ich bemalten sie. Machte sich echt gut vor dem Kiosk von Barbara. Nur was Barbara am häufigsten nachbestellte war die Deko „die schielenden Leuchttürme“, die sie inzwischen für 1 Euro das Stück verkaufte.

Na ja, was soll‘ s. Heute schreibt eben jeder Hans und Franz ein Buch. Der Erlös sollte an das Meyelin-Projekt gehen. Ein Forschungsprojekt betreffend Multiple Sklerose. Der Mann meiner Schwester ist daran leider erkrankt.

Doch der erste Abend als meine Schwester mit den Büchern aufkreuzte ist unvergessen.

Wir hatten wieder unseren Weiberabend in Harrys Fischküche und warteten auf Rudi. Meine Schwester hatte schon vorher eine Kiste mit den Büchern in Barbaras Schatzkästchen abgestellt.

Eine Bekannter kam ins Lokal sah uns da sitzen und lachte: „Rudi rennt da auf der Strandstrasse herum, hat ein Buch in der Hand und schreit den Leuten zu, er  „Der verzauberte Rudi“ stünde in dem Buch.“

„Wie, ist der besoffen?“ „Nee, glaub ich nicht, aber in was für einem Buch seht der?“ Meine Schwester ging zum Wagen und holte direkt eine Kiste voller Bücher heraus und stellte sie auf den Tisch.

Rudi traf ein, umarmte mich überschwenglich – so wie es seine Art ist – Das müßte gefeiert werden. Die Getränke wollte er übernehmen. Ich weiß nicht mehr wer alle anschließend den Kanal voll hatte. Auf alle Fälle hatte Rudi kurzfristig einen weiteren Tisch als Verkaufstisch in dem Lokal umfunktioniert und er war es auch, der nach 2 Flaschen Wein den Leuten die Widmungen in das verkaufte Buch schrieb.

 

Sätze die anfangen mit: „Weißt du noch, früher…..?“ stellen eine magische Verbindung her zwischen Familienmitgliedern, langjährigen Freunden oder auch Arbeitskollegen. „Weißt du noch früher“ ist auch für unsere Gemeinschaft ein starker „Verbindungssatz“,denn schon in jungen Jahren hatten wir alle eine gemeinsame Leidenschaft „Laboe“. Jahrzehntelang haben wir regelmäßig unsere Urlaubstage in Laboe verbracht.

Holger und Maren besaßen direkt an der Strandstraße ein großzügiges Appartement mit Ostseeblick. Gudrun und Paul sowie Susanne und Dirk mieteten mit ihren Kindern immer eine große Ferienwohnung im Ort ohne Ostseeblick.

Für meinen Mann Wolfgang und unseren beiden Söhnen war der Ausblick auf die Kieler Förde mit den großen vorbeiziehenden Schiffen ganz wichtig und gehörte unbedingt dazu. Leider hätte eine großzügig angemietete Wohnung mit Blick auf die Ostsee unseren finanziellen Rahmen gesprengt. Wir hätten nicht so oft diesen geliebten Ort aufsuchen können. Mit dieser Gewissheit zogen wir in schöner Regelmäßigkeit mit vier Personen einschließlich zwei Hunden und zwei Meerschweinchen (kein Witz) in ein knapp Fünfzig-Quadratmeter Appartement.

War ein Kurzurlaub angesagt, kam es schon mal vor, dass einer unserer Söhne einen Freund mitnahm, der sich auch noch mit in das Appartement quetschen durfte. Gingen die Abenteuertage dem Ende zu, hat sich der Freund meistens schon für den nächsten Kurzurlaub angemeldet.

Na ja, etwas eng war es schon aber unseren Kindern hat es gefallen. So nach dem Motto: „Wir bauen uns eine Bude und wenn es regnet kriechen wir alle unter.“

Die Rückenschmerzen, die mein Mann Wolfgang heute hat, schiebt er immer auf dieses Schei…Schlafsofa aus frühen Laboetagen. Vielleicht ist mein Kommentar:“Ja mein Lieber, so hat jeder bleibende Erinnerungen“ etwas daneben, aber schließlich war er es immer, der keinesfalls auf diesen Fördeblick verzichten wollte und meine zaghaften Versuche nach etwas mehr Wohnraum jedes Mal mit Hilfe unserer Söhne zunichte gemacht hat.

Unbestritten hatten wir etwas das Image der Familie Flodders. Dem stand Familie Poll (Gudrun und ihr Mann Paul mit den Kindern Timo und Beate) in nichts nach.

Wo trafen wir – im wahrsten Sinne des Wortes – das erste Mal zusammen. Beim Einkauf.

Ihr Sohn Timo und unser Sohn Max, vertrieben sich die Zeit damit, die voll bepackten Einkaufswagen mit etwas erhöhter Geschwindigkeit durch die Gänge zu manövrieren. In Höhe der Obststände knallten sie zusammen. Nachdem unsere beiden „Sonnenscheine“ die Dinge mit einem: „BooÄhh“ abtaten, standen Gudrun und ich fassungslos vor dem Schlamassel. Marmelade- und Gurkengläser vermischten sich mit einer Palette Quark, Zucker und Eier.

Der Urlaub sollte für beide Familien erst anfangen, demzufolge hatten wir beide reichlich eingekauft. Nachdem unsere beiden Rennfahrer alle Putzutensilien vom Geschäftsführer besorgt und Gudrun und ich zwischenzeitlich einige Gemeinsamkeiten in Bezug auf unsere beiden Jungens festgestellt hatten, war von uns nur ein knappes: „Sauber machen!!“ angesagt. Das war natürlich ein frommer Wunsch von uns.

Die beiden grinsten sich an und versuchten linkisch mit spitzen Fingern die einzelnen Quarktöpfe in den Wischeimer zu legen. Das hätte ewig gedauert. Zudem waren wir nicht alleine in dem Laden. Damit die ganze Sache nicht eskaliert, konnten wir gegen die gut gemeinten erzieherischen Ratschläge der anderen Käufer (u.a.: „Denen fehlt mal eine deftige Tracht Prügel!“) nur mit einem säuerlichen Nicken reagieren.

Wir verbannten unsere Jungens nach draußen und gingen ans Werk. Wir machen uns bis heute einen Spaß daraus, auf die Frage: „Wo habt ihr euch denn kennengelernt“ zu antworten: „Im Lebensmittelladen, dort hatten wir beide kurzfristig eine Putzstelle.“

Gudrun und ich waren uns sofort sympathisch. Bei unseren beiden Männern sah das schon etwas anders aus. Ein Glück, dass die beiden an dem Tag nicht dabei waren. Das ist jedoch eine andere Geschichte.

 

Otto ist der Vater von Holger. Mit seinen 83 Jahren immer noch ein Lebenskünstler voller Lebensfreude und Pläne. Wo andere in dem Alter noch jeden Euro umdrehen und „fürs Alter sparen“ hat Otto sich zur Freude seiner Söhne die Realität bewahrt getreu dem Motto: „Es ist doch völlig egal, wo ich sterbe, ja auch wie und wann. Wichtig, wirklich wichtig ist doch allein, dass ich bis zum Tod tatsächlich lebe.“

Das hat er.

Mit seiner positiven Ausstrahlung war er bei uns immer herzlich willkommen. Otto lebte abwechselnd in einem Altenheim in Berlin, bei Sohn Simon in Berlin oder bei seinem Sohn Holger in Laboe. An Flexibilität war er kaum zu überbieten. Sein Sohn Holger sah das nicht so. Wie sagt man so schön „Otto sah man sein Alter nie an“. Er hatte volle weiße Haare, die er etwas länger trug. Eine entfernte Ähnlichkeit mit Einstein war festzustellen. Holger sagte öfter, eines natürlichen Todes wird mein Alter nie sterben. Die Aussage war teilweise durchaus berechtigt.

Es war im Sommer. Ich stand mit Änne am Küchenfenster und sah wie Otto mit einer großen Leiter hinter sich herziehend Richtung Obstbäume wanderte. Im folgten seine größten Fans unsere Hunde Skipper und Puschel. Änne und ich dachten uns nichts dabei. Als wir jedoch auf einmal eine Motorsäge hörten, schauten wir uns doch etwas irritiert an. Es dauerte nicht lange, da knallte es ganz fürchterlich. Wir stürzten aus dem Haus und sahen wie Otto – alle viere von sich gestreckt – auf dem Dach von Holgers kleiner Werkstatt lag.

Das Schlimmste befürchtend rannten wir auf die Werkstatt zu. Er meinte nur, wir sollten ihn einen Moment liegen lassen, es wäre nichts passiert, er sei nur abgeschmiert. Wie erstarrt standen Änne und ich vor der Werkstatt. Er ist aus fast vier Meter Höhe auf das Dach gefallen. Wie sich später nach einem Check im Krankenhaus herausstellte, hatte er, außer ein paar derben Platzwunden am Bein,  nichts ab abbekommen. Von da an, wurden Leiter und Motorsäge weggeschlossen.

Den darauffolgenden Sommer stand Otto eines Tags mit seinem alten Kumpel Erwin und einem riesigen Wohnmobil, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, vor der Tür. Finnland, Norwegen, Spitzbergen, die Route hatten sie sich vom ADAC ausarbeiten lassen und waren voller Tatendrang.

Vorher wollten sie noch einmal vorbeischauen und fragen, ob eine der Mädels Lust hätte mitzufahren (wie schön!!! Die Mädels waren alle über 60). Dieser Schmeichler, wir wussten, dass Otto eigentlich seinen Sohn Holger überreden wollte, mitzufahren. Dieser vertrat jedoch die Ansicht, man sollte den späten Hippies diese Schnapsidee ausreden und hoffte dabei auf seine Frau Maren.

Maren jedoch freute sich mit ihrem Schwiegervater und versuchte Holger zu überreden, seinen Vater auf diese Reise zu begleiten. Das einzige, was dabei herauskam war, das Maren und Holger sich stritten. Maren ansonsten immer ausgleichend, wenn es aber um die Beziehung zwischen Holger und seinem Vater ging, sah sie rot: Er mache immer alles mies. Er solle seinem Vater ruhig etwas mehr entgegenkommen. So eine Vater-Sohn-Tour wäre doch toll. Die positive Ausstrahlung und Wärme die sein Vater hat würde ihm, Holger, völlig fehlen. Vielleicht würde dann auf dieser Fahrt etwas auf Holger übergehen.

Damit hatte sie unseren Holger gänzlich auf die Palme gebracht: Die positive Ausstrahlung könne sein Vater komplett behalten, der würde sie sicherlich nötiger haben als er und die Wärme hat er offensichtlich schon an Simon (jüngerer Bruder von Holger) weitergegeben, der ja bekanntlich schwul sei.

„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel meine Liebe, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ Übersetzt hieße dass, dass sie als Therapeutin für ihn nicht infrage käme. Da war  er wieder unser überheblicher, selbstgerechter Holger.

Am nächsten Tag umarmte er seinen Vater und wünschte ihm ein gutes Gelingen für die Fahrt. Die gemischten Gefühle waren ihm trotzdem anzusehen, als er dem Wohnmobil nachschaute. Er war es, der anschließend morgens als erstes Änne fragte, ob die Post schon da sei und ob sein Vater sich gemeldet hätte. Maren konnte seine Frechheiten nicht so schnell vergessen und wenn er bei ihr nachfragte, ob Vater sich schon gemeldet hat, antwortete sie etwas zickig: „Wieso, wollte er sich bei dir melden?“ Er wusste nicht, dass sie mit ihrem Schwiegervater vereinbart hat, dass er sich jeden Tag bei ihr kurz auf dem Handy meldet. Holger sollte ruhig etwas schmoren – das war ihre Therapie als Nichttherapeutin – sie funktionierte, Holger hat sich bei ihr entschuldigt und bekam dafür jeden Tag die aktuellen Reiseberichte seines Vaters.

Als Otto mit seinem Kumpel Erwin einschließlich Wohnmobil wieder wohlbehalten in Laboe eintraf und beide ganz begeistert von ihrer Reise erzählten, lächelte Holger etwas säuerlich, zumindest empfand Maren es mit einer gewissen Genugtuung wie sie mir versicherte.

So unangemeldet wie Otto immer kam, so verschwand er auch wieder. Meistens reiste er wieder ab, wenn er sich mit seinem Sohn Holger in die Wolle bekam. Mit seiner Schwiegertochter Maren verband ihn immer ein herzliches Verhältnis. Wenn sie Otto bat doch zu bleiben und die Launen von Holger nicht ernst zu nehmen, sagte er nur, er müsse sich mal wieder um seinen Sohn Simon kümmern.

Simon hielt allerdings wenig davon, dass sein Vater sich kümmert. Simon ist Mitte 40 und lebt seit Jahren mit seinem Lebensgefährten in einer sehr harmonischen Beziehung. Sein Vater Otto glaubte bis zum Schluss, dass die beiden Jungs eines Tages die passende Frau finden.

Simon freute sich zunächst zwar immer, wenn sein Vater gesund und munter mit Sack und Pack vor seiner Tür stand. Sobald sein Vater aber wieder mit seinen Therapieversuchen anfing, um ihn und seinen Lebensgefährten – wie er meint – doch noch auf den rechten Weg zu bringen, drohte er, ihn höchstpersönlich zu seinen Kumpels ins Altenheim zu bringen.

Manchmal war Otto jedoch so eingeschnappt, dass er freiwillig das Altenheim aufsuchte. Dann war es meistens Holger, der sich bei ihm meldete und ihn bat, nach Laboe zu kommen, da Freddy mit den Gartenarbeiten überlastet sei und wir uns über seine Hilfe freuen würden. Am nächsten Tag saßen unsere Hunde Puschel und Skipper vor dem Tor und wir wußten, es kann nicht mehr lange dauern und unser Otto ist wieder da und begrüßte uns mit den charmanten Worten:“Hallo Mädels, endlich mal wieder frisches Gemüse, die alten Krähen im Altenheim habe ich mir lange genug angeschaut.“ Das war auch immer ein Grund, um Otto zu mögen – ab 60 hört man solche Lügen nämlich gerne.

Ottos Lieblingsspruch: „Das Leben ist schön und wenn ich morgen abkratze ist auch ok“. Er hat das Leben als Geschenk gesehen und sogar der Tod wurde ihm geschenkt. Otto wollte einen kleinen Mittagsschlaf im Altenheim machen und ist nicht wieder aufgewacht.

Liebe Leser, bißchen viel was ich heute über unseren Otto geschrieben habe. Er hat uns jedoch auch viel an Lebensfreude gegeben.

 

 

 

Die Männer in unserer Wohngemeinschaft haben ihren hässlichen Heini und wir Frauen unseren schönen charmanten Rudi. Rudi ist auch heute noch kaum zu übersehen und gehört für uns Frauen genau so zu Laboe wie das Marine-Ehrenmal. Als wir Rudi kennen lernten war er Mitte bis Ende 50, er besitzt die markanten Gesichtszüge des typischen Norddeutschen, volle silbergraue Haare, sehr blaue Augen, groß und schlank, immer leicht gebräunt, sehr geschmackvolle – meist helle -Kleidung.

Es kommt noch besser: vorbildliche Manieren und eine so positive Ausstrahlung, die dich verzaubert und dir das Gefühl vermittelt, der meint nur dich. Gudrun, Maren, Susanne und ich sind uns einig, er ist einer der wenigen Menschen, der die Frage: „Wie geht es dir?“ ernsthaft beantwortet haben möchte. Rudi ist unser Vertrauter und wir vier lieben ihn. Jetzt denkt sicherlich jeder, das kann ja wohl irgendwie nicht angehen.

Ich kann mich noch gut an den ersten Abend mit Rudi erinnern. Weiberabend war angesagt. Wir hatten uns dazu Harrys Fischküche ausgesucht. Harrys Frau Hiltrud hatte für uns draußen vor dem Lokal einen geschützten Platz mit vollen Blick auf den Hafen reserviert.

Hiltrud saß bereits mit einem Gast – unserem Rudi – an dem für uns reservierten Tisch. Rudi strahlte uns an und sagte in seinem lang gezogenen Norddeutsch: „Hiltrud, das sind alles deine Freundinnen? Toll.“ Er sprang auf stellte sich vor und begrüßte jede von uns mit einem Handkuss. Vier selbstbewusste Frauen standen da, wie die Schafe und wussten nicht, was sie davon halten sollten. Wollte der uns jetzt hier veräppeln oder ist der immer so?

Er ist tatächlich immer so!!!

Seiner Aufforderung doch Platz zu nehmen, er würde sich auch gleich verziehen, sind wir wie im Trance nachgekommen. Er empfahl uns die vorzüglichen Garnelen, dazu das geröstete Knoblauchbrot mit der Knoblauchoße, einen kleinen Salat und einen guten kühlen Weißwein. Das alles habe er zu sich genommen. Er würde gleich Platz machen und an einem anderen Tisch noch ein weiteres Fläschchen riskieren, denn heute sei er in bester Weinlaune.

Wenn ich heute daran zurückdenke muss ich immer noch innerlich grinsen. Wie dämlich müssen wir vier ihn in diesem Moment wohl angestarrt haben, zumal in Erinnerung unserer eigenen Männer. Unsere Männer sind zwar meistens lieb, nett und verträglich, können auch ab und zu mal charmant sein. Jedoch taten sich hier im Gegensatz zu Rudi Gräben auf.

Die erste, die sich wieder gefangen hatte, war unsere Maren. Sie bat Rudi, doch sitzen zu bleiben er würde keinesfalls stören. Rudi war der Mittelpunkt unseres Abends. Nach kurzer Zeit waren wir alle in bester Weinlaune, sogar unsere Susanne, die nur sehr selten ein Gläschen zu viel trinkt. Wir hatten noch etwas gemeinsam: Wir hatten uns alle in Rudi verliebt. Rudi hatte auch schon schwer getankt und eröffnete uns ganz locker. „Ich liebe euch alle meine Mädels, aber ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Gefährlich kann ich euch nicht werden ihr Süßen“

Ach so war das also, „so eine Verschwendung für die Damenwelt!!!“, etwas enttäuscht waren wir schon, aber jetzt konnten wir ihm auch ganz locker einige Schmatzer aufdrücken, war ja nichts dabei, er konnte uns ja nicht gefährlich werden. Der Abend wurde immer ausgelassener und es sollten noch viele Weiberabende mit Rudi folgen.

Wie sich jeder denken kann, war es für keinen von uns einfach, alles hinter sich zu lassen und mit über 60 Jahren einen Neuanfang zu wagen.

Hört sich alles prima an, am Meer mit Freunden und Haustieren gut versorgt das Alter genießen.

Wir haben etwas aufgegeben, was uns vertraut und lieb war. Das Haus, die Wohnung, der liebevoll gestaltete Garten, die Nachbarn, mit denen wir mit viel Bier und gegrillten Würstchen das Gartenhäuschen aufgebaut haben. Die nette Bäckereiverkäuferin, die genau wußte, dass wir nur die ganz hellen Brötchen möchten, die fürsorglich schon mal für uns die Tageszeitung zur Seite legte usw. usw. Sie wissen was ich meine. Eigentlich war jeder irgendwie zufrieden. Wenn nicht das später wäre und die Menschen, die einem damit immer wieder Angst machen (so hat es zumindest mein Mann anfangs gesehen)

Wie ich aus den vielen Mails ersehen kann kommt häufig der Satz: „SPÄTER UND DANN MIT DEN RICHTIGEN LEUTEN.“ Sie wissen, dass es meistens bei später bleibt, und wo die richtigen Leute hernehmen.

Viele brauchen im Alter Rituale. Es ist zwar ein schleichender Prozess, aber er wird irgendwann in Gang gesetzt. Nicht alle, jedoch sehr viele können es nachvollziehen. Wenn man sich noch mit 25 Jahren über jeden unverhofften Besuch gefreut hat und freudestrahlend die Tür aufgerissen hat, sieht es mit 45 (45 ist ja noch kein Alter) oftmals schon etwas anders aus, wenn gegen 20.00 Uhr passend zu den Abend-Nachrichten (die Wolldecke in der Hand, die Couch im Augenschein) jemand klingelt. Vom Partner, der es sich mittlerweile schon bequem gemacht hat kommt dann noch der missmutige Spruch: „Wer ist das denn, wieder eine von deinen Freundinnen, die uns hier vollqualmt und vollquatscht. Ich dachte wir machen uns einen gemütlichen Abend?“

Man hat sich eingerichtet und gemütlich gemacht. Später, später, später? schauen wir mal!!!

Machen wir uns nichts vor. War bei uns genau so.

Wir haben uns oft und tun es immer noch darüber unterhalten wie man so eine unabhängige Wohngemeinschaft mit Freunden sonst noch hätte gestalten können.

Die Kinder ziehen aus. Man  sitzt alleine oder zu zweit in einem viel zu großen Haus. Einigen Freunden geht es genau so. Andere haben eine Eigentumswohnung ohne Aufzug  oder eine teure Mietwohnung. Evtl. leben all diese Freunde in einer Stadt. Eine Stadt, die ihnen gefällt und in der sie heimisch geworden sind. Warum dann nicht in dieser Stadt gemeinsam ein Projekt finden oder bauen.

Ja, könnte man machen – MIT DEN RICHTIGEN LEUTEN!!!

Bei unseren Freunden und Verwandten stellen wir immer noch fest, dass sie sich viel zu spät mit dem Alter auseinander setzen. Was bedeutet, einen Alltag ohne Beruf zu leben und die ersten körperlichen Einschränkungen zu verkraften – das machen die meisten ganz allein mit sich selbst ab. Der berufliche Druck ist weg, aber ein Erwartungsdruck bleibt. Auch das Alter soll gelingen.