Uschi hat mich wieder angerufen. Der erste Krach im geplanten Wohnprojekt. Es heißt immer: Viele Köche verderben den Brei. Auf gemeinsam geplante Wohnprojekte trifft das auf alle Fälle zu. In ihrem Fall sechs Leute sechs Meinungen.

Einer ihrer Mitstreiter hatte einen Architekten beauftragt. Die aufgebrachte Uschi: „Der Kerl hat überhaupt keine Ahnung. Der hat uns da einen Klotz präsentiert. In so ein Wohnkloo würde sie nie einziehen. Ein Haupthaus, das aussieht wie ein Kasten, zwar auch mit Innenhof so wie bei uns, aber rundherum so Hühnerställe mit viel Glas. Sie habe keine Lust in ihrem Alter in so einem Schaufenster zu wohnen. Ihre Cousine und die Freundin fänden alles toll was der Heini da geplant hätte. Die Kosten für so einen unpersönlichen Kasten seien auch viel höher als zunächst vorgegeben. Sie habe im Internet recherchiert, da gibt es schon Fertighäuser für unter 70.000 Euro. Da müßte es doch möglich sein, so einen Komplex pro Wohneinheit günstiger oder zumindest in dem Preisbereich zu bekommen. Offensichtlich hat ihr an dem Bauplan gar nichs gefallen. Ich sollte doch mal Holger fragen, ob er da passende Vorschläge liefern könne.

Holger hat direkt abgelehnt. Er habe seine letzten Nerven in unserem Projekt gelassenen und will sich nur noch seinen Fensterbildern widmen.

Mein Einwand, dass die Bauweise auch bei uns der größte Streitpunkt gewesen sei, konnte sie nicht wirklich beruhigen.

Eine Fertigbaufirma, die so ein Projekt anbietet, kenn ich leider nicht. Wäre aber eine prima Sache. Uschis Vorstellung, das Projekt im Landhausstil zu planen, würde mir auch eher zusagen, als diese super moderne Bauweise. Sie lästerte noch etwas über ihre Cousine und deren Freundin und äffte die beiden nach: „Uschi diese Bauweise ist jetzt hip.“ Die beiden alten Schachteln wollten bei dem Architekten nur einen jugendlichen Eindruck hinterlassen. So wie sie jetzt wohnen wäre auch nichts „hip.“

Sie hat ihrem Ärger noch etwas freien Lauf gelassenen und dann moderatere Töne angeschlagen. Sie wolle auf alle Fälle dieses Projekt. Die anderen wären eigentlich ganz lieb und müßten auch mit ihr und ihrem ungezügelten Temperament klar kommen. Das konnte ich nur bestätigen.

Die Idee von Uschi, so etwas als Fertigbauprojekt anzubieten ist gar nicht so schlecht. Eigentlich fast eine Marktlücke. Oder gibt es das schon? Kennt jemand so eine Firma?

Ist das Thema Wohngemeinschaft im Alter erst mal auf den Tisch werden die einzelnen Wohnformen unter die Lupe genommen.

Welche Leute ziehen eine Wohngemeinschaft überhaupt in Erwägung.

Paare, die jetzt noch einigermaßen fit sind. Wohngemeinschaft ja, aber nur mit Freunden, die man wirklich gut kennt. Auf keinen Fall mit alleinstehenden Frauen, die mir evtl. noch meinen Alten abspenstig machen könnten. Das wird zwar von der holden Weiblichkeit nicht unbedingt so offen zugegeben, doch Singlefrauen konnten das sicherlich schon in jungen Jahren feststellen, dass die Einladungen weniger wurden wenn man nicht in männlicher Begleitung auftauchte.

Witwen, die jetzt ihre Freiheit genießen und sich auf keinen Fall mehr festlegen wollen. Es wird gereist, was das Zeug hält. Wohngemeinschaft ja, evtl. später, aber dann ohne Männer.

Witwer die keine neue Frau wollen: Wohngemeinschaft ja, aber keine Frau, die einem auf den Keks geht.

Singles, die die meiste Zeit ihres Leben alleine gemeistert haben, aber im Alter Angst vor dem Alleinsein haben und unbedingt eine Wohngemeinschaft anstreben. Die dann sogar noch in der unrealistischen Vorstellung schwelgen, dass eine Gemeinschaft mit circa 6 bis 8 Personen, die dann alle so um die 70 sind, bestimmt funktioniert. So gegründet von einer Bekannten von Susanne. Es sollte ein Bauernhof sein mit vielen Tieren und Natur. Es gab eine große Gemeinschaftsküche, in der sich jeder abwechselnd (falls er lt. Arbeitsplan dran war) austoben konnte und für alle etwas gekocht hat.  Leute die vorher in einer Großstadt mit jeglichen modernen Komfort gelebt haben wollten jetzt ganz tolerant über die Dreckspuren in der Küche hinwegsehen, die der oder die Vorgängerin mit der letzten Kochorgie hinterlassen hat. Aus dem großen Kühlschrank bediente sich jeder (auch der Besuch). Die Waschmaschine im Waschkeller war auch immer voll. Die Tiere mußten versorgt werden. Es gab zwar eine klare Arbeitseinteilung, jedoch wenn einer mal nicht konnte, waren es immer die selben die die Aufgaben mit übernommen haben. Diese Wohngemeinschaft hat sich an tausend Kleinigkeiten aufgerieben. Leider besteht sie heute nicht mehr.

Bestimmt gibt es Wohngemeinschaften die trotzdem auch unter diesen Umständen funktionieren.

Wir haben uns mit so vielen Wohnformen auseinander gesetzt und sind nach wie vor davon überzeugt, dass die Gemeinschaftsräume von einer Angestellten betreut werden sollten, jeder die Möglichkeit der vollkommenen Zurückziehung hat und die Gemeinschaft ein Bedürfnis und nicht ein Zwang sein sollte.

Die Angst vor Vereinsamung und Pflegebedürftigkeit ist zwar da, jedoch wird es immer Menschen geben, die ihr Glück oder Wohlbefinden von anderen abhängig machen.

Die Macher, die ihr Leben lang immer alles organisiert und in die Wege geleitet haben, sind meistens nicht mehr bereit, im Alter noch immer die Wehleidigen und ständigen Nörgler oder die anstrengenden Lieben mitzuziehen.

Die Nörgler: Wie, eine Wohngemeinschaft? Ja, ja macht Sinn, aber mit wem? Was, die wolltest du auch fragen? Nee danke, wenn ich schon an den oder die denke, reicht es mir und dann jeden Tag mit denen? Nein danke. (Originalton meines Mannes). Paul, mit dem er sich in jungen Jahren während unserer Familienurlaube immer wieder anlegte, ist heute sein bester Kumpel. Wenn schon der einleitende Satz kommt: „Paul meint auch…..“verdrehe ich schon die Augen.

Die Lieben: Ja, mach ruhig, ich ziehe da mit, wenn du dann alles klärst und meine Kinder fragst, ob die das auch in Ordnung finden.

Die Willigen: Ja klar, ich mach mit. Wo, wie teuer, wie versichert, wie werden die laufenden finanziellen Dinge geregelt, was passiert bei Pflegebedürftigkeit, was ist wenn es nicht klappt? Zwar alles berechtigte Fragen, jedoch sind es die wenigsten, die hier Vorschläge zur Umsetzung beisteuern.

Wir waren da nicht anders. Meistens wurde Holger dazu befragt. Oftmals ist ihm im Vorfeld der Kragen geplatzt. Der Satz: “ Glaubt ihr, ich hab das Super-Konzept in der Tasche, kriegt doch selber mal den Arsch hoch und erkundigt euch“, war keine Seltenheit. Der Ärmste!!! Heute ziehen wir ihn damit auf.

 

 

 

„Was soll das meine Liebe, dann nimmst du das Kleid eben eine Nummer größer, schließlich bist du ja auch keine 20 mehr und Größe 44 mit 66 Jahren geht doch noch. Und noch was, das Leben ist keine Reise mit dem Ziel, attraktiv und mit einem gut erhaltenen Körper an unserem Grab anzukommen. Wir sollten lieber versuchen, seitlich hinein zu rutschen , Schokolade in einer Hand, Martini in der anderen, unser Körper total verbraucht und schreien: „Wow, was für eine Fahrt!“

Meine Freundin Gudrun hatte mal wieder einen Spruch abgelassen, der kaum zu toppen war. Größe 44 „G e h t  ja noch“ und mit Martini und Schokolade seitlich ins Grab rutschen, was sollte der Unsinn?

Ich ärgerte mich über Gudrun und meine Konfektionsgröße und bemerkte gehässig: „Du kannst dir ja ein Kleid in Größe 46 zulegen, einen Riegel Schokolade und eine Flasche Martini kaufen und schon mal anfangen zu rutschen, ich werde trotzdem abnehmen.“

Die Verkäuferin starrte uns entgeistert an und wußte dieses Geplänkel nicht richtig einzuordnen. Nach dem Auftritt musste sie glauben, wir planen unsere eigene Beerdigung.

„Würden sie uns bitte das Kleid in Größe 44 zeigen.“ Unsere, liebe, damenhafte, zarte Maren, die Dritte im Bunde unserer Kieler Einkaufstour hat die Situation mit ihrer besonnen Art mal wieder gerettet. Ich nahm das Kleid eine Nummer größer und belohnte meinen Frust anschließend im Kieler Marktcafe mit einem Stück Apfelkuchen und einer großen Portion Sahne (so viel zum abnehmen).

Gudrun schaute mich versöhnlich an und meinte: „Ist doch völlig egal welche Konfektionsgröße, wichtig ist doch nur das wir alle zufrieden sind und es nichts Besseres gibt, als das Leben in vollen Zügen zu genießen, oder?“

„Du siehst, ich bin kaum aufzuhalten“, sagte ich und schob mir den letzten Bissen meiner Apfeltorte mit einem lang gezogenen „Mhhh“ übertrieben genussvoll in den Mund.

Gudrun hatte die wunderbare Gabe, so zu leben, als sei nächste Woche die Zeit abgelaufen. Sie isst gerne, sie raucht gerne und hat gegen ein oder zwei gute Tropfen auch nichts einzuwenden. Dass man ihr die 65 Jahre noch nicht ansieht, läge ganz allein an ihrer positiven Denkweise und den belebenden Streitgesprächen mit ihrem Mann Paul, versichert sie jedem.

Die belebenden Streitgespräche mit ihrem Mann Paul bleiben uns leider auch nicht immer verborgen. Anfangs haben wir immer noch geglaubt, jetzt ist endgültig der Bart ab. Doch eine halbe Stunde später säuselt Paul ganz selbstverständlich in Gudruns Richtung:“Schneckchen noch etwas Wein?“

Gudrun, die um keine Antwort verlegen ist, mit der größten Selbstverständlichkeit zu ihrem Übergewicht steht (mit dem Slogan, Paul mag lieber die barocken Typen), Gudrun, die ohne große Diskussion in ihr Auto springt, nach Düsseldorf rast, um ihren erwachsenen Kindern zur Seite zu stehen, sobald sich irgendwelche Schwierigkeiten zeigen, „Schneckchen“ zu nennen!!!

Paul muss es ja wissen, er wird übrigens von seinem Schneckchen „Stinker“ genannt obwohl er nicht unangenehm riecht. Gudrun und Paul sind der lebende Beweis, dass man im Alter nicht unbedingt ruhiger wird.

Mein Mann Wolfgang hat schon einmal treffend bemerkt: „Gut das „Schneckchen und Stinker“ unserem erlesenen Kreis angehören, so brauche ich mir keine Sorge zu machen, dass mein Blutdruck irgendwann in den Keller geht.“

Im Gegensatz zu Paul und Gudrun hat er nicht immer die beste Laune. Aber sich diesem, wie er selber so schön sagt, „erlesenem Kreis“ anzuschließen, habe ich trotzdem mit viel Mühe und weiblicher Intuition hingekriegt.

 

Heute hat mich Freundin Uschi angerufen. Wie heißt es so schön: man muss für eine Sache brennen, damit der Funke überspringt. Auf den Punkt gebracht: Uschi brennt lichterloh für die Umsetzung einer Wohngemeinschaft wie wir sie schon Jahre leben.

Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes damit ihrem Mann, ihrer Cousine mit Partner und zwei Freundinnen (beide alleinstehend) auf den Geist gegangen. Sie hat alle so vollgequatscht mit Einsamkeit, älter werden und Pflegefall, dass sie schon bald ihr eigenes Gesabbel nicht mehr hätte hören können.

Als sie merkte, dass sie damit alle nur unter Druck setzt wäre sie ruhiger geworden und hätte auch nicht mehr so recht an eine Umsetzung geglaubt.

Aber, du glaubst es nicht, erzählte sie weiter. Ihre Cousine und ihr Mann geben jetzt ihre Gärtnerei auf und das Projekt Wohngemeinschaft ist ganz aktuell. Es steht jetzt ein gr0ßes Grundstück zur Verfügung. Sie haben schon einen Makler beauftragt, der ihr Haus und die Eigentumswohnung einer Freundin verkaufen soll.

Sie wollten es so aufziehen wie wir es gemacht haben. Jedoch in ihrer Heimatstadt.  Eine der Freundinnen hat nichts zu verkaufen. Ihr Anteil wird dann wahrscheinlich so laufen, dass sie an die anderen Miete zahlt. Das muss dann alles noch geklärt werden. Es würde alles ein bißchen einfacher. Sie bräuchten auch nur je Wohneinheit ein Wohnzimmer mit offener Küche und ein Schlafzimmer mit Bad.

Was aber unbedingt sein müßte, sei diese große Wohnküche (Kantine), eine gemütliche Bibliothek mit Kamin und ein Innenhof von dem alle Wohneinheiten abgehen würden.

Ganz wichtig sei auch so eine Änne wie wir sie hätten.

Uschi war wieder ganz aus dem Häuschen. Telefoniere ich jetzt mit der 19jährigen Uschi von damals, die unbedingt gemäß dem „American way of Live“ ein Jahr in Amerika verbringen wollte oder der taffen 65jährigen die sich mit Begeisterung in einen neuen Lebensabschnitt stürzt. Nach diesem Telefongespräch habe ich für mich wieder mal festgestellt, dass sich Menschen eigentlich nicht wirklich ändern. Mit zunehmender Begeisterung läßt sogar die viel gerühmte Gelassenheit des Alters nach.

Ich freue mich für sie und bin sicher, das alles klappen wird. Ihre Freude und Begeisterung war so ansteckend, dass ich nur sagen konnte: „Mein Gott Mädchen, laß mal langsam angehen und denk an deinen Blutdruck. Bis es soweit ist und du alles genießen kannst, musste noch mit einigen Querschlägen rechnen.“ „Paa, da hätte sie keine Angst, das wäre eine Herausforderung die sie genießen würde im Gegensatz zu dem alleinigen Pflegeprogamm mit ihren Eltern welches sie über Jahre durchgezogen hätte.“

Uschi und ihre Mitstreiter(Bewohner) werden es schaffen.

Aufgeben???

Interesse ist da        –    aber jetzt doch noch nicht –   gebe doch nicht alles auf !!!

Wie das unter guten Freunden üblich ist, sind wir uns in unserer Wohngemeinschaft auch nicht immer grün, haben häufig Meinungsverschiedenheiten. Es gibt Tage, da kann man den ein oder anderen nicht am Kopp haben. Da aber jeder seinen eigenen Wohnbereich hat und seine Spagetti immer noch selber kochen kann, ist das kein Thema. In einem Punkt aber sind wir uns ausnahmslos einig. Wir haben sicherlich etwas aufgegeben aber unter dem Strich bis jetzt nur gewonnen.

Sicher zu Anfang war Begeisterung: Jau, klasse, das machen wir. Wann geht es los. Doch dann: „wieder nüchtern“ hielt sich die Begeisterung in Grenzen und es kamen auch die Sätze: „Nee jetzt schon alles aufgeben, später vielleicht.

Oder: „Jetzt geht es mir gut, dann entschließt man sich zu so einem Schritt und dann klappt es nicht.“

Meine Freundin Gudrun live: Hallo!!! man ist nicht immer 65 oder 70 und bei bester Gesundheit   vergessen? verdrängen?

Auch Freundin Uschi hat in ihrem Bekannten- und Freundeskreis die Werbetrommel gerührt für so ein Wohnprojekt. Sie möchte jedoch gerne in ihrer Heimatstadt bleiben.

Ihre Eltern hatten ein kleines Reihenhaus. Jetziger Wert ca. 200.000 Euro. Bis zur Selbstaufgabe hat sie sich um ihre Eltern gekümmert. Zum Schluss war sie reif für die Klappsmühle. Als ihr Vater starb war sie am Ende. Sie musste ihre Mutter in einem Altenheim unterbringen. Das hat monatlich 4.500 Euro gekostet. Im Jahr also 54.000 Euro. Es wurde zwar etwas Pflegegeld angerechnet, jedoch nach 3 1/2 Jahren war das Reihenhaus weg, welches ihre Eltern über Jahre abbezahlt hatten.

Uschi ist sich heute sicher. Hätten sie beizeiten das Haus verkauft und evtl. 100.000 Euro in so eine Wohnform investiert, hätten sie und Uschi eine glücklichere Zeit gehabt.

Hätte, hätte, hätte vielleicht ein bißchen nervig, aber vielleicht mal darüber nachdenken.

 

 

Unser erstes Sommerfest war wirklich gelungen. Sogar das Wetter hatte damals mitgespielt.

Wenn unsere Kinder, Enkelkinder und Freunde eintreffen, sieht zunächst alles etwas chaotisch aus. Man darf jedoch nicht vergessen, dass wir in den letzten Jahrzehnten immer voller Erwartung auf Erholung und Entspannung regelmäßig zur Urlaubszeit mit unseren Kindern hier in Laboe eingetroffen sind. Diese Urlaubsstimmung bringen unsere Kinder und Freunde jedes Mal wieder mit zur Kieler Förde.

Einige unserer Freunde,  die lieber nichts ändern wollen oder auch nicht können, argumentieren oft: Ja, ja, jetzt ist noch alles ok, aber wenn ihr nicht mehr so könnt oder wenn es Streit gibt, was ist dann ? Mit dem Streiten klappt jetzt schon ganz gut. Alles andere wird sich finden und wurde größtenteils vorher, unter Einbeziehung unserer Kinder, schriftlich festgelegt. Auf alle Fälle sind wir uns einig, das keiner ein Pflegeprogramm für einen anderen übernehmen wird.

Dirk bemerkt dazu: „Wir wurden in eine Welt geboren, die wir uns teilweise besser gestaltet wünschen, wir werden mit einem Namen gerufen, den wir uns nicht ausgesucht haben. Zum Schluss überlassen wir es wieder anderen, was mit dem Rest unseres Leben passiert, weil wir nicht beizeiten die Richtung vorgegeben haben. Ich möchte nicht, da ich einem Menschen, der mir mehr bedeutet als mein eigenes Leben, lästig werde und ihm gleichzeitig noch ein schlechtes Gewissen machen wenn er keine Zeit für mich hat um sein eigenes Leben zu leben.“

Auf diesen Sommerfesten werden immer viele ernsthafte Gespräche geführt. Die saloppen Sprüche von Paul sind zwar sehr amüsant, bewegen sich aber oftmals sehr hart an der Grenze des guten Geschmacks. Während Dirk eine sensiblere Gesprächsführung vorzieht, knallt Paul dazwischen, überlegt euch mal, so ein Typ mit einer harten Jugend kriegt von unserem Arbeitsamt ein Stipendium für einen Schnellpflegekurs und hat dann in so einem Altenheim freie Bahn. Der drückt dann seine Zigarettenkippen auf deinen Bauch aus, da er keinen Bock hat, dir wieder die Pampers zu wechseln. Du bist aber zu schwach, um ihn in den Arsch zu treten.

Diese Argumentation wird mit Befremden aufgenommen. Mein Mann streichelt Paul über den Kopf und sagt: „mal sehen ob wir so einen knallharten Typen später für dich einstellen. Wenn ich noch kann, werde ich ihn für dich in den Arsch treten mein Freund.“

Das erste Sommerfest in unserem neuen Heim gestaltete sich noch in einem überschaubaren Rahmen. Später nicht mehr. Unsere Kinder sind von dem Projekt so begeistert, dass sie es unbedingt ihren Freunden und deren Eltern zeigten wollten. Die nächsten Sommerfeste hatten demzufolge schon viel an familiärer Idylle verloren und bekam allmählich Volksfestcharakter.

Paul und Wolfgang fanden das o.k. sie mussten für die nächsten Feste keinen Cent bezahlen. Unsere Kinder hatten die Organisation übernommen. Finanziert wurde alles über so genannte Eintrittsgelder „Eintrittsgelder“ – schon allein das Wort. Unser Sohn Max und Jörn, der Sohn von Dirk und Susanne, zeigten sich hier sehr geschäftstüchtig, was die Vermarktung ihrer Eltern anging. Ich muss gestehen, für mich hatte das schon etwas Zoocharakter – beliebteste Anlaufstelle der Affenkäfig. Die Spitze war, als die beiden nach dem letzten Sommerfest durchblicken ließen, wir sollten doch etwas mehr darauf achten, dass Paul sich benimmt, er sei sehr geschäftsschädigend.

„Geschäftsschädigend“, die haben wohl eine Vollmeise. Danach wurde während einer der darauf folgenden Kaminabende, ohne unsere geschäftstüchtigen Kinder, beschlossen dass wir die Dinge wieder in die Hand nehmen und zu „unsern Festen nur „unsere“ Freunde und Familiemitglieder einladen werden.

Als der erste Ärger über die Eigenmächtigkeit unserer Blagen verflogen war, haben wir noch oft über das Wort „geschäftsschädigend“ gelacht und zwar immer dann, wenn wir uns über meine Freundin Bruni unterhalten haben. Auf diesen Sommerfesten wurde, wie sich jeder vorstellen kann, einige gute Tropfen getrunken. Zu etwas vorgerückter Stunde blieb die Wirkung dann auch nicht aus. Derjenige, der schon nüchtern seine Klappe kaum unter Kontrolle hatte, ließ sich dann noch schneller zu unqualifizierten Äußerungen hinreißen, wie zum Beispiel wieder unser Paul, der mittlerweile jenseits von Gut und Böse ganz ungeniert meiner Freundin Bruni sagt: „Unnn wennn wir es in dem ollen Kaaasten mit den ollle Köppn überhaupt nicht mehr aushaaalten, sauffen wir sie uns einfach schööööön, die Köpppe.“

Bruni, eine lange Dürre mit kurzen grauen Herrenhaarschnitt, randloser Brille, jedoch begeisterte Sportlerin, die außer frischer Luft und gesunder Nahrung nichts zu sich nimmt, starrte Paul daraufhin völlig irritiert an. Maren, die seinen stark alkoholisierten Spruch mitbekommen hatte, grinste Bruni etwas angesäuselt an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Ja, wie er schon sagt, mit etwas Alkohol ist das auszuhalten.“

Meine liebe Freundin und Antialkoholikerin, leider auch etwas humorlose Bruni: „Soll das etwa heißen, ihr seid immer besoffen???“ Paul dann wieder: „Geeenauuuu, aaaaber so körnerfresssende Zicken, die sich jedes Pfünnndchen abrennnen und nicht mitsaufffen, können wir hier wieso nicht brauchen, so issesss.“

Zum nächsten Sommerfest ist Bruni nicht mehr gekommen. So gesehen war er wirklich geschäftsschädigend. Ich glaub Paul und Maren mochten Bruni nicht besonders.

Liebe Leser bevor wir uns entschlossen haben dieses Wohnprojekt durchzuziehen, wurden viele Wenn’s und Aber’s diskutiert.

Was ist, wenn es einem unserer Freunde mal – platt ausgedrückt – dreckig geht und er oder sie ein Pflegefall wird. Was kommt dann auf die anderen zu.

Machen wir uns nichts vor. Das Thema ist für einige von uns schon in der Familie nicht gut gelaufen. Erst kümmern sich alle und wollen helfen. Doch nach einiger Zeit bleibt einer darauf hängen und die anderen halten sich zurück.

Wir sind uns alle einig, dass in dem Fall der Pflegedienst eingeschaltet wird und die anderen, soweit sie es noch können, die Dinge beaufsichtigen. Wir haben im Vorfeld fast alle Dinge geklärt und schriftlich festgelegt. In unserem Fall hat die Oberaufsicht nicht irgendein christlicher Verein oder privater Investor, sondern unsere erwachsenen Kinder. Hohe Heimkosten und Zuzahlungen bleiben uns und ihnen erspart. Was an Vermögen noch da ist, bleibt unseren Kindern erhalten. Wir wissen nicht wie sich noch alles entwickeln wird, da wir noch keinen Pflegefall in unserer Gemeinschaft haben, jedoch sind wir und unsere Kinder da sehr zuversichtlich.

Es ist keinesfalls so, dass wir immer zusammen hocken und alle Probleme spielend gelöst werden. Ab und zu gibt es dicke Luft. Ganz besonders blank lagen unsere Nerven vor unserem ersten Sommerfest. Im ersten Jahr wollten wir eigentlich nur unsere skeptischen Geschwister und Freunde mit unserer Idee und der Umsetzung dieses Projekts überzeugen und allen imponieren.

Wir wollten ein Sommerfest organisieren und alle einladen. Es sollte auf keinen Fall nach Rentner, Ruhesitz oder notgedrungene Zweckgemeinschaft aussehen. Und was heißt hier Altenheim. Das Wort „alt“ hatten wir völlig aus dem Vokabular gestrichen. Wir wurden von unseren Vorstellungen und Planungen so beflügelt, dass es gerade noch mit Mühe zu verhindern war, eine Bauchtänzerin für dieses Sommerfest zu organisieren.

Natürlich durfte bei einem Sommerfest die Musik nicht fehlen. Vorschläge gingen vom Klavierkonzert bis zum Rockfestival. Maren tendierte mehr zum Klavierkonzert. Dirk meinte, unsere Generation sei mit den Rolling Stones und den Beatles groß geworden. Mit der Katzenmusik, die Maren da vorschlug könne keiner was anfangen.

Ihr könnt euch schon denken, wie es ausging. Mein Mann Wolfgang und Paul setzten sich mit ihrem Musikgeschmack durch. Das Sommerfest wurde auf die 50iger und 60iger Jahre abgestellt (Bill Harley, Jack Berry usw.). Da Wolfgang und Paul gleichzeitig auch unsere Sparschweine sind, schlugen sie vor, die „lustigen“ Wirtsleute aus ihrer Lieblingskneipe einschließlich ihrer alten Musikbox einzuladen. Die Wirtsleute bekamen die 1. Einladung. Sie sagten zu und versprachen ihre Musikbox mitzubringen.

Maren dachte an einen kleinen Bilder-Vortrag zu unserem Projekt. Der Rest der Truppe wollte auf gut deutsch „Die Sau raus lassen“ und alten Freunden und lieben Anverwandten bei einem guten Essen und guten Tropfen zeigen, wie gut es uns geht.

Gut, dass es Maren gibt. Sie war es, die dem Sommerfest einen gut organisierten Rahmen verpasste und es nicht zum Schützenfest in Kleinkleckersdorf ausgeartet ist.

Sie war es, die die Gäste offiziell begrüßte und einen kleinen Vortrag zu unserem Projekt hielt, untermalt mit einigen Bildern, die Dirk während unserer Aufbauphase geschossen hat.

Na ja, die späteren Sommerfeste liefen etwas chaotischer und gipfelten in dem Spruch unserer Kinder: wir sollten doch etwas mehr darauf achten, dass Paul sich benimmt, er sei sehr geschäftsschädigend. Kaum zu glauben. Heute können wir darüber lachen aber das ist eine andere Geschichte.

Hallo, da bin ich wieder

Ist sicherlich auch in Ihrem Sinne, dass ich Sie hier nicht mit langweiligen Tagesabläufen konfrontiere.

Ja klar, ab und zu ist es hier auch langweilig.

Daher lieber einige kleine Anekdoten.

Zudem können sie uns besser kennen lernen und feststellen wie unterschiedlich wir alle sind. Sie denken jetzt, hört sich alles gut an  „man muss nur die passenden Leute finden.“ Ja liebe Leute, das könnte eine endlose Suche werden. Auch in einer jahrelangen Partnerschaft passt bekanntlich vieles nicht und trotzdem halten einige durch und entdecken sogar noch im hohen Alter Dinge am Partner, die man nie für möglich gehalten hätte.

Vor Jahren – unsere Wohngemeinschaft bestand noch nicht – hatten wir uns ausgemalt, was wir alles unternehmen wollten. Damals kam von Maren der Vorschlag, dass wir unbedingt Literaturabende einrichten sollten. Zum Beispiel gegenseitig Gedichte vorlesen. Der Vorschlag wurde damals etwas belächelt und unser Paul bekam einen regelrechten Lachkrampf.

Maren aber gab nicht auf. Vor einiger Zeit fragte sie noch mal zaghaft an, wie es denn jetzt mit einem Literaturabend aussehe. Es müssten ja nicht unbedingt Gedichte sein. Es könnte ja auch jemand eine spannende schaurige Geschichte vorlesen. Das überzeugte alle. Nur Paul, der wollte ein Gedicht vortragen.

Es war schon etwa kühler, daher schaltete Paul die Heizstrahler in unserem toskanischen Innenhof ein. Zusätzlich sorgte er dafür, dass alle Windlichter brannten und die edlen Rotweingläser auf den Tisch kamen. Das leichte Plätschern des beleuchteten Brunnens perfektionierte die Stimmung. Wenn wir uns Tage vorher noch über ihn lustig machten, wie er durch den Garten schritt und leise vor sich hinsprach, wahrscheinlich um sein Gedicht auswendig vortragen zu können,waren wir inzwischen doch leicht irritiert. Was hatte er vor?

Als Gudrun in den Innenhof kam und sah, wie ihr Paul eine stimmungsvolle Atmosphäre zauberte und sogar noch einige gute Tropfen Rotwein spendete, sagte sie nur zu mir: „Also, ich kenne den Kerl schon so lange, aber was hat das nun wieder zu bedeuten, das hier passt nämlich nicht. Hoffentlich hat der nicht irgendein versautes Gedicht auswendig gelernt – die arme Maren!!!“

Wir hatten gut gegessen, saßen nun gespannt im Innenhof und starten alle auf Paul. Dieser spielte den Gelangweilten und sagte nur: „Na, wie isses, will jetzt einer eine schaurige Geschichte erzählen oder vorlesen?“ Keiner sagte etwas.

Paul nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem Weinglas stand auf und sagte: „Gut, dann fange ich an, ein Gedicht von Otto Ernst:

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd – Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht mans gut. Ein Wrack auf der Sandbank!

Noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich`s der Abgrund

Nis Randers lugt – und ohne Hast spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast; Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein: Dich will ich behalten, du bleibst mir allein, Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: „Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: Hohes hartes Friesengewächs; Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! Nun muß es zerschmettern…..! Nein, es blieb ganz! Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peischt das Meer. Die menschenfressenden Rosse daher; Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! Eins auf den Nacken des anderen springt. Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! Was da? – Ein Boot, das landwärts hält – Sie sind es! Sie kommen! –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt…. Still -ruft da nicht einer? – Er schreits durch die Hand: „Sagt Mutter`s ist Uwe!“

Keiner sagte etwas. Wie gebannt hatten wir die ganze Zeit fassungslos auf Paul gestarrt. Wir hatten alles erwartet, nur das nicht. Mit der Dunkelheit und dem flackernden Kerzenlicht im Hintergrund hatte er es geschafft, uns die ganze Zeit in eine schön schaurige Stimmung zu versetzen.

Niemand hätte dieses Gedicht besser vortragen können. Nicht nur Gudrun hatte Tränen in den Augen. Sie stürmte auf ihren Paul los umarmte ihn und schluchzte: „Mein Gott Paulchen, dass war wunderschön“. Heute ist mir klar, das es nicht nur das kleine Gedicht über Ni Randers war, welches uns so beeindruckte, sondern dass Paul es war, der es so stimmungsvoll und gekonnt vorgetragen hat. Paul, zu dem es gar nicht so recht passen wollte, dass er ein Gedicht vorträgt.

Maren hatte an diesem Abend zwar noch eine kleine schaurige Geschichte vorgelesen. Der Star des Abends aber war unbestritten unser Paul. Sein größter Fan war übrigens seine Frau Gudrun.

Paul musste noch oft seinen Nis Randers vortragen. Dieser Abend aber wird unerreichbar bleiben. Seine kleinen Frechheiten hat er Gott sei Dank bisher nicht aufgegeben. Wenn Gudrun sich heute über ihn beschwert und meint, sie müsse mal wieder Dampf ablassen erinnere ich sie an diesen Abend und seine bis dato unentdeckten Fähigkeiten.

 

Ja, warum alles aufgeben. Ist doch alles gut so wie es ist. Lieber Leser, das ist genau der Gedanke der so einem Projekt leider immer im Wege stehen wird.

Auch das Argument, das ist nur was für gut situierte Rentner ist quatsch. Weil alles so bequem und gemütlich ist und man auch Angst vor Veränderungen hat, fällt einem (auch uns zu Anfang) immer etwas ein, was garantiert nicht klappen kann.

Gudrun vergleicht das mit dem Abnehmen. Heute haue ich mir noch die ganze Schokolade rein. Morgen nehme ich ab. Oder wieso nicht das Brötchen essen könnte dein letztes sein usw. Bißchen weit hergeholt, aber aber aber

Meinen Mann Wolfgang hat wohl letztendlich das Schicksal seiner Eltern überzeugt. Sein Vater war Zuckerkrank und seine Mutter interessierte sich nicht im mindesten dafür. Ihr ginge es auch schlecht!!! Es war, als wenn zwei kleine Kinder zusammen wohnten. In jungen Jahren verstanden sie sich eigentlich ganz gut. Sie und ihre Kinder waren ihr Leben. Freundschaften hatten sie nie gepflegt. Die waren sich immer selber genug. Später warteten sie den ganzen Tag darauf, dass sich entweder ihr ganzer Stolz Wolfgang oder seine Schwester Anke blicken ließen.

Die Eltern gifteten sich von morgens bis abends an. Wenn wir sie besuchten, durften wir nie den Fehler begehen, uns für eine Partei zu entscheiden. Da Anke in der Nähe der Eltern wohnte, hatte sie alles am Hals und bekam obendrein noch zu hören was sie alles in ihrem Leben falsch gemacht hätte. Was übrig blieb, war eine Schwester und Schwägerin, die fast auf dem Zahnfleisch ging. Die Eltern in ein Altenheim unterzubringen kam für Anke nicht infrage, da sie das Haus erhalten wollte. Zur Entlastung eine Hilfskraft einzustellen, an deren Kosten wir uns beteiligen wollten, war für sie auch kein Thema, da die Eltern das nicht wollten.

Meine Schwiegereltern leben nicht mehr. Zwischen Anke und uns läuft alles gut, jedoch glaube ich, sie hat es uns insgeheim immer noch nicht ganz verziehen, dass wir uns damals nicht genug kümmerten. Mit ihrem Mann verbringt sie regelmäßig ihre Urlaube bei uns in Laboe.

Gudrun und Paul waren von Anfang an meine engsten Mitstreiter beim Projekt Laboe. „Carpe diem“ (nutze den Tag) und „wat küt dat küt“ (was kommt, das kommt) ist bis heute ihr Lebensmotto.

Paul hatte eine eigene Versicherungsagentur und sich damit ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Mein Mann Wolfgang würde nicht erwirtschaftet, sondern ergaunert sagen (für ihn sind Versicherungsvertreter Gauner, die mit der Angst der Leute ihr Geld verdienen). Wenn ich ihm dann sage, dass Paul ausschließlich für die Deutsche Ärzteversicherung gearbeitet hat und man könne doch wohl nicht davon ausgehen, dass er hier nur Idioten versichert hat, winkt er nur ab und sagt etwas unlogisch: „guck mich an, ich habe eine Unfallversicherung bei dem abgeschlossen, der kassiert jahrelang die Folgeprovision und ich habe noch nie einen Unfall gehabt.“ Dann kann man doch nur sagen, du hast recht mein Schatz, er hat auch Idioten versichert.

Paul und Gudrun haben immer einen großen Freundeskreis gehabt. Somit wurden sie nicht nur von uns Familie Chaos genannt. Ihre Kinder Beate und Timo waren beide hyperaktiv. Dementsprechend standen die Eltern zwangsläufig auch immer unter Strom. Für Paul und Gudrun war es somit fast schon lebensnotwendig, dass sie ihre Kinder ab und zu übers Wochenende bei guten Freunden abliefern konnten. Hatten die Freunde schon eine eigene Familienplanung ins Auge gefasst, wurde dieser Wunsch nach einem Wochenende mit Gudrun und Pauls Kindern erst mal auf Eis gelegt.

Als sich herausstellte, dass die Hyperaktivität ihrer Kinder nicht unbedingt immer eine Erziehungsfrage war sondern evtl. eine Krankheit ist, wurde alles unternommen und oftmals vieles entschuldigt was durchaus besser in ein vernünftiges Erziehungsbild gepasst hätte. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Auf alle Fälle haben die beiden Kinder in ihrer Sturm- und Drangzeit den Eltern das Gesamt-Programm geboten, von Drogenkonsum bis Jugendknast. Dank ihrer Eltern – so chaotisch sie selbst sein mögen – haben sie sich doch noch zu ganz respektablen Mitbürgern entwickelt.

Gudrun und Paul sind stolz auf ihre Kinder und freuen sich über ihre 6 Enkelkinder. Ich glaube jedoch, die Tatsache, dass die ganze Bande in Düsseldorf wohnt und sie in Laboe, hat etwas Beruhigendes für sie.

Bei Dirk und Susanne waren es die aufwendigen Pflegeprogramme mit seiner Großmutter und Mutter (wie bereits geschildert).

Aber was sollen diese düsteren Gedanken. Wenn ich über die letzten Jahre Bilanz ziehe, kann ich nur sagen, wir haben garantiert mehr gelacht als unsere Falten gezählt oder sonstige schwerwiegende Probleme gewälzt.

Wie jedes Jahr hatten wir uns auch diesmal wieder heiße Wortgefechte bezüglich unseres jährlichen Sommerfestes geliefert. Timo, der Sohn von Paul und Gudrun, sagte nur so „nebenbei“: „Wieso, Maxi will doch dieses Jahr heiraten, das könnte man doch prima verbinden.“

Ich war platt. Unser Sohn Maximilian wollte dieses Jahr heiraten und ich, seine Mutter, der er als erstes davon erzählen wollte (falls eine nach „die Beste“ kommen sollte) wusste noch nichts davon. Überhaupt wen? Er hatte uns bisher niemanden vorgestellt, geschweige ein Wort über eine evtl. Braut verlauten lassen. Wortlos stand ich auf verließ den Innenhof und ging in unsere Wohnung. Maxi kam natürlich sofort hinterher. Mit kläglichen Erklärungsversuchen wollte er mich beschwichtigen: „Mama, ich wusste es ja selber nicht so genau.“

„Du wusstest es selber nicht so genau? Hat dich heute morgen irgendeine angerufen und dich gefragt, ob du mal Lust hättest zu heiraten oder wie kann ich das verstehen?“ „Nee Mama, also ich habe sie heute Morgen angerufen und gefragt.“

Ich glaubte es nicht: „Lass bitte deine Scherze, du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du erst seit heute morgen weisst, dass du heiraten willst und wen überhaupt?“ „Sie heißt Alex und so lange kenne ich sie noch nicht.“ „Sie heißt Alex, ich gehe mal davon aus, dass es sich um eine weibliche Person handelt, du kennst sie noch nicht so lange, rufst sie an und machst ihr per Telefon einen Heiratsantrag und sie hat ja gesagt, bist du irre??“

Und ganz nebenbei „wie romantisch!!!“

„Jaaaa Mama, aber seit heute morgen weiß ich, das es die Richtige ist, und da habe ich sie eben ganz spontan angerufen und direkt gefragt. Als ich mit Alex telefonierte, war Timo zufällig im Garten und muss wohl etwas von dem Gespräch aufgeschnappt haben: er sagte nämlich: „Alter so wie ich das mitbekommen habe, kannste es wohl auch nicht mehr abwarten in Ketten gelegt zu werden oder?“ „Ach !!! haste deine Meinung daraufhin geändert?“

„Ich sag dir Mama, ich bin schwer verliebt und sie ist die Richtige, glaub es mir.“ Mein Sohn strahlte mich an.

Ich war verletzt, eifersüchtig und gleichzeitig fassungslos, mit was für einer Selbstverständlichkeit mein Sohn mal eben die Richtig gefunden hatte. Er sprang auf, riss mich aus dem Sessel und tanzte mit mir durch das Wohnzimmer und rief immer: „Sie wird dir gefallen Mama, sie wird dir gefallen und du wirst immer meine Nummer Eins bleiben.“

Dieser Schleimer, er hatte wieder alles so geregelt, dass ich mich ohne jeglichen Groll auf meine zukünftige Schwiegertochter Alex freuen konnte. Als sie endlich eintraf, war ich mehr als überrascht. Ein zartes Persönchen, die neben meinem 2Meter-Sohn noch zerbrechlicher wirkte, mit kurzen dunklen Haaren und großen braunen Augen. Wenn jetzt aber einer glaubte, ach die Kleine packen wir auch noch irgendwo hin, täuschte man sich. Sie wusste genau, was sie wollte.

Es war schön mit anzusehen, wie verliebt die beiden miteinander umgingen. Als ich meinen Mann darauf ansprach, war sein Kommentar: „Waren wir doch auch mal Spatzel.“ „WAREN wir doch auch mal Spatzel“, äffte ich ihn nach: „Toll und jetzt?“ „Was und jetzt“, er lugte über seine Zeitung und grinste mich an: „Soll ich dich etwa jetzt auch noch so anschmachten? Brauchste nur zu sagen, dann mache ich das, ha,ha, ha, die anderen werden sich biegen vor Lachen.“ Ich wollte die Diskussion nicht vertiefen, boxte leicht gegen seine Zeitung und sagt nur: „Lies schön weiter mein Dickerchen“ und verließ eilig das Zimmer, bevor er noch irgendeine freche Bemerkung über mein Übergewicht machte, die ich nicht so leicht würde wegstecken können wie er.