Besuch im Altenheim oder unter den Blinden ist der Einäugige König

12.02.2017

Mein Mann und ich waren über das Wochenende wieder mal in der alten Heimat. Das habe ich genutzt um mit meiner Freundin Uschi ihre Mutter im Altenheim zu besuchen. Ihre Mutter ist eine 88jährige liebenswerte Person. Ihr Leben lang hat sie sich um ihre 3 Kinder und  Enkelkinder gekümmert. Hinzu kommt, dass sie mit ihrem bereits verstorbenen Mann ihren beiden jüngsten Kindern oftmals aus so mancher finanziellen Notlage geholfen haben.

Sie hatte vor Jahren einen Herzstillstand und kann sich seitdem nicht mehr erinnern. Nicht mehr erinnern heißt, sie genießt den Besuch einschließlich Cafebesuch, kann sich aber 10 Minuten später nicht mehr erinnern, dass z.B. ihre älteste Tochter und ich da waren.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich eines ihrer Kinder nur alle paar Monate blicken läßt, obwohl es in der Nähe wohnt und das andere Kind die Mutter zum letzten Mal vor 6 Jahren auf der Beerdigung des Vaters gesehen hat. Es gab kein böses Wort zwischen ihnen oder den Geschwistern. Sie kommen einfach nicht. Sind nicht bereit wenigstens eine halbe Stunde ihrer Freizeit ihrer Mutter und Großmutter mit ihrem Besuch eine Freude zu machen.

Uschi kümmert sich ja. Hat jahrelang die Pflege zuhause erledigt und bezahlt jetzt auch die Differenz zum teuren Pflegeheim. Da kriegt man schon mal das Kotzen wenn man so etwas hört.

Auch heute konnten Uschi und ich feststelle, dass keinen Besuch zu bekommen eigentlich das aktuellste Thema im Altenheim ist.

Neidisch werden die beäugt, bei denen die Anverwandten sich regelmäßig blicken lassen. Viele bekommen überhaupt keinen Besuch. Diese teilnahmslose Stille der Bewohner ist so erschreckend. Wir haben heute zwei ältere Damen in dem Altenheim-Cafe getroffen, die zwar körperlich nicht mehr so fit waren aber geistig einen regen Eindruck vermittelten. Sie sagten, dass ihre Besucher hier immer schnell weg wollten, weil hier alles so bedrückend sei. Die beiden seien froh, dass sie sich hier gefunden hätten um wenigstens ab und zu mal eine vernünftige Unterhaltung zu führen. Die meisten seien dazu nicht mehr in der Lage oder schon so verbittert, dass sie lieber irgendwo in der Ecke sitzen und auf Besuch warten, der nicht kommt, und wenn ja, schnell wieder verschwindet, weil viele der Altenheimbewohner wieder nach hause wollten.

Es gäbe eine junge Frau, die sich das antut und zweimal die Woche ihre Mutter besucht. Die Mutter sei schwer daneben. Rennt den ganzen Tag herum. Kommt die Tochter, jammert die Mutter die ganze Zeit herum sie wolle nach hause. Die Tochter sitzt dann da und weint und sagt ihr immer wieder, dass sie arbeiten müsse und sich zuhause nicht um sie kümmern könne.

Boo, so ein Altenheim kann noch so super organisiert sein, noch so freundlich eingerichtet, über noch so herzliches Personal verfügen. Diese stille bedrückende Stimmung ist einfach da. Zumindest empfinde ich es so. Uschi sieht das nicht ganz so. Sie meint, Menschen die in jungen Jahren langweilig waren, sind es im Alter auch. Da sich solche Dinge im Alter noch verstärken hätte man im Alter im schlimmsten Fall alle auf einer Etage im Altenheim. Sie würde später ins Altenheim gehen und hoffen, dass sie dann noch alle Tassen im Schrank hätte und schon jemanden finden mit dem sie sich austauschen könnte. Sieh sähe das optimistisch. So nach dem Motto: „Unter den Blinden ist der Einäugige König.“ Ansonsten ist man in den meisten Fällen als alte Schraube hier gut versorgt und bekäme  sowieso nichts mit. Also, alles halb so wild?

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