„Alt ist später“

20.03.2017

Wie schon erwähnt, erhalten wir von unseren Kindern die größte Zustimmung und Unterstützung zu unserem Wohnprojekt. Immer wieder berichten sie uns, dass ihre Altersgenossen sich oftmals das Genörgel ihrer in die Jahre gekommenen Eltern anhören müssen, wenn sie sie besuchen („Könntest auch mal den Rasen mähen, wie soll ich das alles schaffen? Wäre schön, wenn mir ab und zu jemand beim Einkaufen helfen würde! Bevor ich in so ein Heim gehe, bringe ich mich lieber um! Die Veranstaltungen im Pfarrheim besuche ich nicht, da sind ja alles nur alte Leute! Ach ich will ja nicht meckern, aber es interessiert sich keiner dafür wie es mir geht, könntest ruhig mal öfter vorbeikommen usw. usw.“)

Sicherlich gibt es auch Eltern, die ständig auf Reisen sind. Großeltern, die sich jeden Morgen auf ihre süßen Enkelkinder freuen. Eltern und Groß-Eltern die es erfüllt, von ihren Kindern und Enkelkindern bis ins hohe Alter gebraucht zu werden. Eltern und Großeltern, die ganz selbstverständlich im Kreise ihrer Kinder und Enkelkinder leben und mit der größten Selbstverständlichkeit gepflegt werden.

Die Einstellung, „alles haben wir für unsere Kinder getan, jetzt sind sie mal dran und müssen sich um ihre Eltern kümmern.“ Diese Einstellung ist sehr häufig bei der Generation unserer Eltern anzutreffen.

Unsere Eltern haben zwar meistens als Kinder oder junge Erwachsene Krieg und Entbehrungen kennen gelernt. Jedoch hatten sie keine Probleme Arbeit zu finden, denn sie lebten im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Sie haben mit dem Gefühl gelebt, noch etwas aufbauen zu können. Diese Generation, die uns oftmals auch viel hinterlassen hat, erwartet natürlich Dankbarkeit von einer Generation die meistens nicht mehr viel aufbauen konnte, die um ihr Arbeitspatz bangen musste, sofern sie einen hatte, die die laufenden Kosten und das Anspruchsdenken ihrer eigenen Kinder in einer Konsumwelt kaum finanzieren kann. Die in einer überreizten Gesellschaft lebt, der von allen seiten suggeriert wird: Du musst, du musst, du musst; ansonsten bist du ein Loser.

Es ist kaum zu erwarten, das unsere konsumverwöhnten Blagen das Pflegeprogramm bei uns durchziehen, was wir an unseren Eltern an Dankbarkeitsarbeit und Pflichterfüllung geleistet haben oder immer noch leisten. Wir wollen es ihnen auch nicht zumuten.

Alten-WG oder Wohngemeinschaft im Alter suggeriert zunächst einmal: „ALT und s p ä t e r“. Eigentlich müsste es heißen „Neue Wohnformen für befreundete Erwachsene.“ Evtl. würde man sich schon etwas eher für diese Wohnform entscheiden.

Wir sind schließlich erwachsen. Erwachsen aus einer Arbeitswelt aber nicht aus unserer Selbständigkeit. Von jetzt auf gleich aus einer vertrauten Umgebung herausgenommen um dann „versorgt“ zu werden ist fast für jeden älteren Menschen ein Schreckensszenario.

In dem Zusammenhang muss ich immer an ein älteres Paar aus unserer ehemaligen Nachbarschaft denken. Er ist ganz in seiner Gartenarbeit aufgegangen. Er hatte einen super gepflegten Garten, die besten Tipps und sämtliche Gartengeräte. Es war an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten, aber mein Mann (der Geizhals) hat sich fast alles bei ihm ausgeliehen. So nach dem Motto: Karl hat doch alles, warum kaufen. Ich beobachtete sogar einmal wie Karl mit seinen 75 Jahren in unsere Biotonne sprang, so dass etwas mehr reinging. Mein Mann stand daneben und hielt die Tonne fest. Als Karls Frau Eva einen Schlaganfall erlitt und die Kinder meinten, dass die beiden besser in einem Altenheim in ihrer Nähe aufgehoben seien, baute Karl ganz schnell ab und starb noch vor Eva.

Karl und Eva hatten nach ihrem Umzug ins Altenheim (mein Mann sagt heute noch Abtransport) eine große Lücke in unserer ehemaligen Nachbarschaft hinterlassen. Für uns war dieses Erlebnis mit ausschlaggebend, das Laboeprojekt nicht auf die lange Bank zu schieben und bei Zeiten da heimisch zu werden, wo uns keiner abtransportieren kann.

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